Auf ein Glas ..... 2009 Fendant de Sierre, Rouvinez

eingeschenkt von: susa – Plaudereien über Gott und die Welt und auch über Wein
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susa
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Auf ein Glas ..... 2009 Fendant de Sierre, Rouvinez

Beitrag von susa »

Der Mensch so heißt es, manch einer meint auch eher nur der Deutsche, sei ein rechter Prinzipienreiter. Er wisse genau, was sich gehört und was richtig ist, und wenn jemand anderer etwa das Gegenteil behaupte, dann sei das vom Übel und werde mit nicht weniger als einer halben Ewigkeit verschärftem Fegefeuer bestraft. Und natürlich muss man die Sache dann bis zum letzten Atemzug ausdiskutieren.

Netz, Blogs, Foren, Leserbriefrubriken sind voll davon:

Königsberger Klopse gehören in Brühe gar gezogen; um Himmels willen nein, die müssen in der Sauce sieden und natürlich nur echt mit Sardelle. Sardelle? Nie_Mals!

Kartoffelsalat, mit Mayonnaise? Gottbewahre, natürlich nur echt mit Brühe und Vinaigrette und ohne Petersilie? Ungläubiger – natürlich mit UND mit Schnittlauch. Im Leben nicht, dafür mit Wurst, nein ohne, nein mit …

Es gibt nur eine Fußballmannschaft und das ist der ….! Der…? Im Leben nicht! Tradition! In Treue fest! Wir schwören Stein und Bein!

Sträucher zum Winter herunterschneiden? Ordnungs- gegen Naturliebe! Vögel füttern? Tierliebe gegen Eingriff in das freie Spiel der Kräfte.

Rock oder Pop, Blues oder Jazz, Beatles oder Stones, Lindenberg oder Grönemeyer, E oder U, Röhren oder Transformator.

Auch bei den Weinliebhabern kann man derartige Frontenbildung erkennen, ich verzichte hier aus verständlichen Gründen auf Beispiele, einmal durch Foren und Blogs quergelesen und man findet genug Beispiele. Freundschaften sollen schon daran zerbrochen sein und selbst von Prozessen hört man munkeln.

Allerdings, eine Sache möchte ich doch mal aufgreifen.

Rotwein zum Käse! Klar das gehört so! Um Himmels willen, bloß nicht!

Sicher, jeder mag trinken, was er will und was ihm schmeckt. Das soll ihm keiner reinreden, aber die Zwangsläufigkeit, mit der einem in Restaurant oder Bistros zu jedweder Käseauswahl ein "kräftiger Rotwein" empfohlen wird, stimmt mich schon nachdenklich.

Ich gehöre der "zu den meisten Käsen besser ein Süßwein"-Fraktion an (ich gehöre auch zu der "klassische Menüregel – Käse vor Dessert"-Glaubensrichtung, aber das ist wieder ein anderes Thema) und ich möchte heute dem Thema Käse und Wein mal ein wenig Aufmerksamkeit schenken:

Zunächst zum Käse: Die meisten Käsehändler stellen, wenn man ihnen freie Hand gibt, gerne eine Platte nach dem Motto "von jedem etwas" zusammen, von mild nach herzhaft, Weichkäse, Hartkäse, Ziege, Kuh, Rohmilch gegen pasteurisiert, noch ein bisschen Blauschimmel und alle wesentlichen Käse erzeugenden Nationen sollten auf der Platte vertreten sein (also mindestens Frankreich und Italien ;)). Die gute Hausfrau dekoriert die Platte dann noch gefällig mit Weintrauben und Birnenspalten und reicht Butter und Baguette dazu.

Dass eine solche Plätte schwierig wenn nicht gar unmöglich mit einem passenden Wein zu begleiten ist, liegt auf der Hand. Der Wein, der gleichermaßen zu mildem Ziegenfrischkäse, kräftigem Roquefort, Vacherin, gereiftem Epoisses und extra Belegen Gouda passt, der muss wohl noch gefunden werden. Selbst die Allroundwaffe in Form eines nicht ganz trockenen Champagners muss da versagen. Und, Weintrauben sind so ziemlich das einzige Obst, das so gar nicht zu Wein passen mag, klingt seltsam, ist aber so.

Wenn ich eine Käseplatte zusammenstelle, dann lasse ich mich lieber von einem Thema leiten und stelle ähnliche Käsesorten zusammen, z.B. eine Auswahl gereifter Ziegenkäse, oder kräftige Hartkäse, unterschiedliche Blauschimmelkäse, Käse aus einer Region oder ich biete überhaupt nur einen Käse an, pur oder zu einem kleinen Gericht verarbeitet. Auch finde ich, dass Trockenfrüchte, Früchtebrot, ausgewählte süßliche Chutneys und Nüsse besser zu Käse und Wein passen als Weintrauben und Baguette; Birnen sind dagegen ok.

Neben Käseplatten sind auch Gerichte mit Käse nicht immer einfach zu beweinen, so zum Beispiel die gerade auf französischen Schihütten so beliebte "Tariflette", ein Kartoffelkäseauflauf, ob mit oder ohne Zwiebeln sowie mit oder ohne Speck – siehe oben. Auf die Tartiflette gehört ein Reblochon, der ehemals Steuerumgehungskäse der Savoyer Bergbauern. Die mussten nämlich von ihrer Milch einen Großteil als Abgabe an ihren Grundbesitzer abführen. Also haben sie, nachdem die Milch abgeholt wurde, noch einmal gemolken, sozusagen an der Steuer vorbei. Die Ausbeute war zwar nicht mehr ganz so ergiebig, aber daraus wurde dann der Reblochon gemacht.

Die Tartiflette ist übrigens kein Küchenklassiker, auch wenn das Prinzip, Kartoffeln und Käse zu einem Gericht zu mischen, sicher in den meisten Bauernküchen auf die eine oder andere Art auftaucht. Die Tartiflette wurde erst 1980 Syndicat Interprofessionnel du Reblochon entwickelt und zur Verkaufsförderung des Käses lanciert. Seitdem gibt es auch jede Menge geschmacksneutraler Supermarktsreblochons. Ein ordentlicher Reblochon ist ein fermier und nur dann macht er Spaß. Viele Essensführer empfehlen zur Tartiflette einen kräftigen fruchtbetonten Wein aus dem Languedoc, oder einen Beaujolais.

Ich kann mich damit nicht unbedingt anfreunden; die Weine erschlagen den feinen, zart nussig schmeckenden weich-sahnigen Käse; ich greife dann mal wieder lieber zum Weißwein, zum Beispiel dem Chasselas, der ja auch im Jura angebaut wird (leider sind in meinem Einzugsbereich Weine aus dem Jura nicht gut zu bekommen).

Und deswegen kommt der heute mal aus der Schweiz (was ja nun auch nicht so weit entfernt liegt). Der Wein war zwar auch nicht einfach zu beschaffen, was mir aber zu einem Kochevent mit dem Thema "Schweiz" schlussendlich gelang.

2009 Fendant de Sierre
Bernard Rouvinez, Wallis


Ich kenne den 2010er nicht, vermute aber dass er nicht so sehr unterschiedlich zum 2009er ist. Diese Weine sollten nämlich nicht allzu lange lagern, sondern innerhalb von zwei Jahren getrunken werden.

Klares Grüngelb, nach dem Öffnen moussierte der Wein kurze Zeit im Glas, weicher fruchtiger Duft nach reifen Birnen Haselnüssen und Mandeln, florale Noten, am Gaumen saftig und schmelzig, zarte Süße, gerade richtig um sich mit dem Käse zu messen, ein nicht sehr langer Abgang.

Insgesamt ein angenehmer Alltagswein, fein zu trinken, mir für das Gebotene mit um die 15€ ein wenig zu teuer, aber interessant, ihn mal probiert zu haben.
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slowcook
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Re: Auf ein Glas ..... 2009 Fendant de Sierre, Rouvinez

Beitrag von slowcook »

Hallo susa

Einmal mehr ein brillanter Essay aus deiner Feder (Tastatur), geschrieben mit untrüglichem Gefühl für die Feinheiten der deutschen Sprache; eine wunderbare Feierabend-Lektüre für mich. Herzlichen Dank dafür!

Prinzipienreiter gibts auch im "Ausland"... also hier in der Schweiz :) und sogar im von mir heiss geliebten Weinland Österreich :!: , wo mir während meines kürzlichen Langlauf-Urlaubs der Oberkellner unbedingt zum das Menü abrundenden Käsebuffet eine weitere Flasche der ziemlich holzgeprägten Rotwein-Cuvée von Nigl aufschwatzen wollte. Das ist für mich ein ziemliches No Go, seit vielen Jahren schon, nicht mal nur wegen der Histamin-Konzentrierung. Am liebsten trinke ich zuhause ein wenig Wasser zum Käse oder dann einen säurebetonten, sehr trockenen Weisswein, keinesfalls süss! Selten Fendant.

So kommen die Feinheiten der verschiedenen Käsesorten für mich am besten durch; ein Rotwein deckt mir zu viel zu, ein barriqueausgebauter sowieso.

Auf diesem meinem für mich gültigen Prinzip will ich aber keinesfalls reiten... ;)

Gruss
Werner
Frühlingsplätzchen
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Re: Auf ein Glas ..... 2009 Fendant de Sierre, Rouvinez

Beitrag von Frühlingsplätzchen »

Auch ich lese die Beiträge unter "Auf ein Glas..." sehr gerne.
Eine gelungene Käse-Wein-Kombination kann wirklich geschmacklich neue Räume öffnen. Nicht besonders originell, aber sehr stimmig und für mich die Bekehrung zum "Auch-Süß-Riesling-Liebhaber war die Folgende: Eine Auswahl von Blauschimmelkäsen (auch Roquefort) zusammen mit einer Riesling Auslese "Meddersheimer Rheingrafenberg" 2006 von Hexamer. Die Würze des Weines harmonierte hervorragend mit jener des Käses, die Süße kontrastierte und erweiterte das Geschmackserleben: beide Partner gewannen. Das führte bei etlichen Sonst-nur-trocken-Trinkern zum freiwilligen Neubefüllen der Gläser...Da ich solche Kombinationen aber entweder aus gepflegtem Halbwissen oder nach dem trial-and-error-Prinzip ausprobiere, bleiben weniger gelungene Varianten nicht aus- Roquefort und Dönnhoff-Spätlese "Felsentürmchen"2007 funktionierte nicht - der Wein war zu fein und wurde erschlagen. "Frühlingsplätzchen"-Spätlese 2007 von Schönleber ging dann schon wieder besser, da der Wein etwas cremiger, die Süße präsenter und die Würze ausgeprägter war.
Aber auch trockener Riesling mag Käse: Ganz fantastisch schmeckte die Kombination einiger Ziegenkäse mit Rebholz "NatUrsprung" 2009- ein herrlicher, knochentrockener (0,7 Restsüsse) Kabinett, der im Duft bereits ganz feine Reifenoten aufweist, die den ausgesprochen kristallinen Charakter des Weins hervorragend ergänzen.

Viele Grüße, Roland
Zürcher
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Re: Auf ein Glas ..... 2009 Fendant de Sierre, Rouvinez

Beitrag von Zürcher »

Hallo zusammen,

Danke für den Beitrag zum Fendant, den ich mit grossem Interesse gelesen habe.

Wir Schweizer trinken gerne Chasselas, ein "must" zum Käse-Fondue. Vor kurzem hat mir aber der Weinhändler zu meiner Ueberraschung einen säurebetonten Riesling aus der Wachau empfohlen, der viel besser dazu passen soll. Ich habe mich dann aber für einen Grünen Veltliner (Federspiel) von Donabaum entschieden, der wohl dank seiner knackigen Säure ausgezeichnet mit dem Fondue haromierte.

In den Fonduestüblis offerieren sie (neben Schwarzee und Kirsch) bei uns ausschliesslich Chasselas, entweder aus den Kantonen Fribourg oder Waadtland (oder eben Fendant aus dem Wallis). Die Idee, dass säurebetonten Weine zu "Käsigem" harmonieren sollen, hat bei uns noch nicht Fuss gefasst. Wäre mir bis anhin auch nicht in den Sinn gekommen, den Chasselas zu hinterfragen.

Dass zu Käse am besten Chasselas passt, ist vielleicht nicht immer wahr. Selbstverständlich kommts auf die Käsesorte an...

Grüsse aus Zürich,
Sacha
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Panamera
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Re: Auf ein Glas ..... 2009 Fendant de Sierre, Rouvinez

Beitrag von Panamera »

Vorab vielen Dank für den tollen Beitrag Susa :)

Die Sache mit dem Wein und dem Käse (Italien und Frankreich? Da fehlt doch etwas ;)) ist eine spannende Sache, welcher ich immer wieder nachgehe.
Deshalb habe ich vor wenigen Jahren eine tolle Entdeckung gemacht, welche mich seither regelmässig zu Käsespeisen begleitet: Heida, Wallis - die höchsten Reben Europas.
Auch "Perle der Alpenweine" genannt, begeistern diese Weine besonders durch das ausgeglichene Spiel zwischen Frucht, Mineralik und einem eleganten und dennoch kräftigen Abgang.
Besonders empfehlenswert ist der Heida der St. Jodern Kellerei --> http://www.jodernkellerei.ch/content/he ... minen.html

Beste Grüsse
Marcio
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susa
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Re: Auf ein Glas ..... 2009 Fendant de Sierre, Rouvinez

Beitrag von susa »

Oh ja, an einen Heida-Wein habe ich auch sehr feine Erinnerungen (leider nur einmal in den Genuss gekommen) und wie konnte ich die Schweizer nur bei den Käse erzeugenden Nationen außen vor lassen - Asche auf mein Haupt ;).

Natürlich bin ich nicht der Meinung, dass jeder Süßwein automatisch zum Käse passt, so einfach ist es nicht. Sauternes und Käse finde ich zum Beispiel nicht sonderlich spannend, den sehe ich lieber bei bestimmten Desserts und natürlich dem Klassiker foie gras. Auch nicht alle rest- und edelsüßen Rieslinge wollen mir gefallen.
.
Und natürlich verdamme ich die Rotweine zum Käse auch nicht in Bausch und Bogen, gerade reife Hartkäse und Rotweine, fruchtig und eher leicht, finde ich eine gelungene Kombination.

lieben Gruß
susa
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