Netz, Blogs, Foren, Leserbriefrubriken sind voll davon:
Königsberger Klopse gehören in Brühe gar gezogen; um Himmels willen nein, die müssen in der Sauce sieden und natürlich nur echt mit Sardelle. Sardelle? Nie_Mals!
Kartoffelsalat, mit Mayonnaise? Gottbewahre, natürlich nur echt mit Brühe und Vinaigrette und ohne Petersilie? Ungläubiger – natürlich mit UND mit Schnittlauch. Im Leben nicht, dafür mit Wurst, nein ohne, nein mit …
Es gibt nur eine Fußballmannschaft und das ist der ….! Der…? Im Leben nicht! Tradition! In Treue fest! Wir schwören Stein und Bein!
Sträucher zum Winter herunterschneiden? Ordnungs- gegen Naturliebe! Vögel füttern? Tierliebe gegen Eingriff in das freie Spiel der Kräfte.
Rock oder Pop, Blues oder Jazz, Beatles oder Stones, Lindenberg oder Grönemeyer, E oder U, Röhren oder Transformator.
Auch bei den Weinliebhabern kann man derartige Frontenbildung erkennen, ich verzichte hier aus verständlichen Gründen auf Beispiele, einmal durch Foren und Blogs quergelesen und man findet genug Beispiele. Freundschaften sollen schon daran zerbrochen sein und selbst von Prozessen hört man munkeln.
Allerdings, eine Sache möchte ich doch mal aufgreifen.
Rotwein zum Käse! Klar das gehört so! Um Himmels willen, bloß nicht!
Sicher, jeder mag trinken, was er will und was ihm schmeckt. Das soll ihm keiner reinreden, aber die Zwangsläufigkeit, mit der einem in Restaurant oder Bistros zu jedweder Käseauswahl ein "kräftiger Rotwein" empfohlen wird, stimmt mich schon nachdenklich.
Ich gehöre der "zu den meisten Käsen besser ein Süßwein"-Fraktion an (ich gehöre auch zu der "klassische Menüregel – Käse vor Dessert"-Glaubensrichtung, aber das ist wieder ein anderes Thema) und ich möchte heute dem Thema Käse und Wein mal ein wenig Aufmerksamkeit schenken:
Zunächst zum Käse: Die meisten Käsehändler stellen, wenn man ihnen freie Hand gibt, gerne eine Platte nach dem Motto "von jedem etwas" zusammen, von mild nach herzhaft, Weichkäse, Hartkäse, Ziege, Kuh, Rohmilch gegen pasteurisiert, noch ein bisschen Blauschimmel und alle wesentlichen Käse erzeugenden Nationen sollten auf der Platte vertreten sein (also mindestens Frankreich und Italien
Dass eine solche Plätte schwierig wenn nicht gar unmöglich mit einem passenden Wein zu begleiten ist, liegt auf der Hand. Der Wein, der gleichermaßen zu mildem Ziegenfrischkäse, kräftigem Roquefort, Vacherin, gereiftem Epoisses und extra Belegen Gouda passt, der muss wohl noch gefunden werden. Selbst die Allroundwaffe in Form eines nicht ganz trockenen Champagners muss da versagen. Und, Weintrauben sind so ziemlich das einzige Obst, das so gar nicht zu Wein passen mag, klingt seltsam, ist aber so.
Wenn ich eine Käseplatte zusammenstelle, dann lasse ich mich lieber von einem Thema leiten und stelle ähnliche Käsesorten zusammen, z.B. eine Auswahl gereifter Ziegenkäse, oder kräftige Hartkäse, unterschiedliche Blauschimmelkäse, Käse aus einer Region oder ich biete überhaupt nur einen Käse an, pur oder zu einem kleinen Gericht verarbeitet. Auch finde ich, dass Trockenfrüchte, Früchtebrot, ausgewählte süßliche Chutneys und Nüsse besser zu Käse und Wein passen als Weintrauben und Baguette; Birnen sind dagegen ok.
Neben Käseplatten sind auch Gerichte mit Käse nicht immer einfach zu beweinen, so zum Beispiel die gerade auf französischen Schihütten so beliebte "Tariflette", ein Kartoffelkäseauflauf, ob mit oder ohne Zwiebeln sowie mit oder ohne Speck – siehe oben. Auf die Tartiflette gehört ein Reblochon, der ehemals Steuerumgehungskäse der Savoyer Bergbauern. Die mussten nämlich von ihrer Milch einen Großteil als Abgabe an ihren Grundbesitzer abführen. Also haben sie, nachdem die Milch abgeholt wurde, noch einmal gemolken, sozusagen an der Steuer vorbei. Die Ausbeute war zwar nicht mehr ganz so ergiebig, aber daraus wurde dann der Reblochon gemacht.
Die Tartiflette ist übrigens kein Küchenklassiker, auch wenn das Prinzip, Kartoffeln und Käse zu einem Gericht zu mischen, sicher in den meisten Bauernküchen auf die eine oder andere Art auftaucht. Die Tartiflette wurde erst 1980 Syndicat Interprofessionnel du Reblochon entwickelt und zur Verkaufsförderung des Käses lanciert. Seitdem gibt es auch jede Menge geschmacksneutraler Supermarktsreblochons. Ein ordentlicher Reblochon ist ein fermier und nur dann macht er Spaß. Viele Essensführer empfehlen zur Tartiflette einen kräftigen fruchtbetonten Wein aus dem Languedoc, oder einen Beaujolais.
Ich kann mich damit nicht unbedingt anfreunden; die Weine erschlagen den feinen, zart nussig schmeckenden weich-sahnigen Käse; ich greife dann mal wieder lieber zum Weißwein, zum Beispiel dem Chasselas, der ja auch im Jura angebaut wird (leider sind in meinem Einzugsbereich Weine aus dem Jura nicht gut zu bekommen).
Und deswegen kommt der heute mal aus der Schweiz (was ja nun auch nicht so weit entfernt liegt). Der Wein war zwar auch nicht einfach zu beschaffen, was mir aber zu einem Kochevent mit dem Thema "Schweiz" schlussendlich gelang.
2009 Fendant de Sierre
Bernard Rouvinez, Wallis
Ich kenne den 2010er nicht, vermute aber dass er nicht so sehr unterschiedlich zum 2009er ist. Diese Weine sollten nämlich nicht allzu lange lagern, sondern innerhalb von zwei Jahren getrunken werden.
Klares Grüngelb, nach dem Öffnen moussierte der Wein kurze Zeit im Glas, weicher fruchtiger Duft nach reifen Birnen Haselnüssen und Mandeln, florale Noten, am Gaumen saftig und schmelzig, zarte Süße, gerade richtig um sich mit dem Käse zu messen, ein nicht sehr langer Abgang.
Insgesamt ein angenehmer Alltagswein, fein zu trinken, mir für das Gebotene mit um die 15€ ein wenig zu teuer, aber interessant, ihn mal probiert zu haben.