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Re: Bordeaux 2023
Verfasst: Mo 4. Mai 2026, 15:50
von pessac-léognan
Es könnte auch sein, dass sich deine Weine bis im Herbst weiter zurückentwickeln. Nach meiner Erfahrung ist die Jungweinphase bei kleineren Weinen, die du schilderst, von Herbst 2 nach Ernte bis spätestens zum Sommer danach am ausgeprägtesten. Manchmal geraten sie danach bereits in einen (ersten) Verschluss. Da die Subweine oft recht spät ausgeliefert werden, ist man oft schon (zu) spät dran, wenn man die Primärfrucht sucht...
Gruß
Jean
Re: Bordeaux 2023
Verfasst: Mo 4. Mai 2026, 17:24
von TOM
Das kann natürlich passieren. Dann bleibt nur die Hoffnung, dass sie nach schnellem Verschluss auch früh wieder aufwachen.
Ich habe in den letzten Jahren allerdings die Erfahrung gemacht, dass die kleinen Weine bei Auslieferung eine schöne Fruchtphase hatten und in der Jugend viel Spaß gemacht haben. In 2022 waren sie mir sogar anfangs (für meinen Geschmack) zu überbordend. Das hat sich dann aber in den folgenden 6 Monaten gelegt und die Weine wurden wesentlich ausgewogener und strukturierter.
Vielleicht hatte ich mir 2023 auch anders vorgestellt, da viele "Experten" meinten 2023 sei "früh genießbar".
Vielleicht hatte ich bei den beiden Weinen auch einfach nur Pech. Der Aiguilhe war ja wunderschön und ist in meinen Augen dieses Jahr ein PLV-Wunder. Mal sehen, was sonst noch kommt. Batailley, Belgrave und Fieuzal hatte ich ebenfalls bei HAWESKO gesubst und die werden sicherlich in den nächsten Tagen/Wochen kommen. Und Batailley und Belgrave wurden ja u.a. von Jochen und Dir ja bereits gelobt.
Es ist wie jedes Jahr spannend

Re: Bordeaux 2023
Verfasst: Di 5. Mai 2026, 10:35
von vanvelsen
TOM hat geschrieben: ↑Mo 4. Mai 2026, 15:16
Château Laroque
Dunkles Kirschrot, schöne Kirchenfenster am Glas. Im Duft verhalten, Kirsche, Gewürznelke. Im Mund Veilchen, Graphit. Im Abgang deutliche Tannine, Graphit, unreife Schlehe, etwas Schokolade, Minze und Lavendel zum Ausklang. – Das war Babymord. Der Wein braucht noch Zeit... Habe ihn daher weggestellt für den Folgetag, um ihm Luft zum Atmen zu geben.
Am Folgetag: Im Duft war nun Kirsche und Marzipan zu erkennen. Im Mund weiterhin trockene Tannine, leichter Bitterton wie unreife Vogelkirsche, Kreide. Im Nachhall wieder die unreife klebrige Schlehe, Minze. Aber nach hinten heraus dann doch noch etwas Schwarzkirsche und Blutorange.
Der Wein hat sicherlich Potenzial, ist aber momentan einfach noch zu jung... Werde mich wohl gedulden müssen.
Nach dem eher verhaltenen Ergebnis mit dem Laroque und dem überraschend starken d’Aiguilhe, suchte ich den Vergleich mit einen kleineren Wein aus der Castillion-Nachbarschaft und zog Dalem aus dem Fronsac auf, den ich als fruchtbetonten, samtigen Wein kenne. Aber auch der konnte mich zurzeit noch nicht überzeugen.
Château Dalem
Röstnoten in der Nase. Im Mund etwas Brombeere, Kreide, Graphit. Im Nachhall Rauch, trockene Tannine, etwas Schwarzkirsche, etwas Lakritz. Leider ist auch der Wein ist noch viel zu jung...
Am Folgetag dann deutlich offener, Kirschduft, Orangenfrucht, Lorbeerblatt. Im Mund Lorbeer, Blutorange, trockene Tannine, etwas Kirsche. In Nachhall Blutorange, Schlehe, Minze, Oregano. Deutlich besser als am ersten Tag, aber noch immer verschlossen. Auch diese fruchtige Samtigkeit, die ich bei Dalem ansonsten schätze, konnte ich nicht finden.
Mein Fazit: Eine tolle Überraschung und zweimal klassischer Babymord. Da war ich wohl schlicht zu ungeduldig. Einige 2023er brauchen offensichtlich noch Zeit – ich bin gespannt, wie sie sich bis zum Herbst präsentieren.
Nun, es erstaunt mich nicht, dass Dalem und Laroque nicht wirklich ready waren... Hier meine Notizen mit Trinkfenster:
2023, Saint-Emilion AOC Grand Cru Classé Château Laroque, Bordeaux-Libournais, 95 vvPunkte
Johannisbeeren, Sauerkirschen, florale und zitrische Noten im Duft, kalkiger Ausdruck; am Gaumen gradlinig, strukturiert, die knackige Frucht wird von geschliffenen Gerbstoffen gestützt, die Säure verleiht Frische und Trinkfluss; gewohnt elegant, mit roten Johannisbeeren und Sauerkirschen im Finale, hinterlässt ein salziges Finale. Ein eleganter Wein, der sein Kalkterroir eindrücklich spiegelt. Trinken von 2030 bis 2055 95 vvPunkte
2023, Fronsac AOC Château Dalem, Bordeaux-Libournais, 93 vvPunkte
Offene Nase, Himbeere, Brombeere und dezente Holzaromen, darüber Kräuterwürze; am Gaumen reichhaltig, dennoch frisch, feine, kompakte Tannine, satte Frucht, lebhafte Säure; finessenreich und langanhaltend im Abgang. Ein strukturierter Dalem voller Eleganz. Trinken von 2028 bis 2050 93 vvPunkte
Gruss,
Adrian
Re: Bordeaux 2023
Verfasst: Di 5. Mai 2026, 16:24
von TOM
Hallo Adrian,
danke für den Hinweis.
Ich hatte mit dem 2020er und 2022er Dalem sowie dem 2022er Laroque sehr gute Erfahrung gemacht. Beide waren (in meinen Augen) bei Arrivage in einer schönen Fruchtphase. Ich mag das und wenn mir ein Wein gefällt gefällt, trinke ich die Hälfte in der Fruchtphase und den Rest, wenn der Wein gereift ist. Aber das ist wohl nicht jedes Jahr so und man muss den ein oder anderen Babymord begehen, um die (für den eigenen Geschmack) passenden Weine zu finden.
Wenn Du sagst, dass Dalem von 2028 bis 2050 ein gutes Trinkfenster hat bzw. Laroque von 2030 bis 2055, dann gehst Du davon aus, dass die Weine bis dahin gereift sind, oder? Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass die beiden Weine bereits jetzt in der Verschlussphase sind, wie Jean das vermutet hat, oder?