Interessante Diskussion.
Seit mehreren Tagen ringe ich mir mir und meinen Punkten, denn in meinem Selbstverständnis bin ich ein sehr konservativer Verkoster, der sich nur schwer von einem Wein beeindrucken lässt und auf dem Standpunkt steht, daß es den "perfekten Wein" sowieso nicht gibt. Denn ein Wein kann immer länger und komplexer, ohne an Harmonie (Balance) einzubüßen. Intensiver geht zwar auch, aber in dieser Dimension wird sehr schnell die Harmonie ein Problem - einfach nur alles auf 11 zu drehen, ist auch keine Lösung.
Bevor ich also meine Wertungen hier einstelle, lasse ich euch an meinen Innensichten teilhaben, soweit ich sie bereits sortiert habe. Was mir zugegebenermaßen nicht leicht fällt, denn, wie schon geschrieben: Zu viele Konzepte, entlang derer ich normalerweise argumentiere, sind in den letzten zwei Wochen an ihre Grenzen gestoßen. Wenn man in einer bestimmten Situation eine Sinneserfahrung hat, ist diese Erfahrung noch nicht einmal die gleiche für eine Person, die danebenstand und dieselbe Situation erlebt hat. Wie soll jemand, der nicht mal in selben Land war, dieselbe (oder auch nur ein für einen sinnvollen Austausch hinreichend ähnliche) Erfahrung haben? Wie teilt man sich einer anderen Person mit? Worte? Punkte? Und selbst wenn es mir gelänge - wie relevant wäre die nachvollzogene Erfahrung für den anderen Menschen?
Lasst mich das an einem Weinbeispiel illustrieren: Pichon Comtesse. Der Wein ist echt super, knapp hinter meinen (einigen...) 100-Punktern. Ist es relevant, ob ich der Comtesse nun 97 der 99 gebe? Für jemanden, dem der Stil zusagt, ist das Top-Pauillac. In mir selbst hat die Comtesse bei aller (extrem hohen) Qualität nie etwas ausgelöst (tatsächlich finde ich sie etwas
sehr "mehrheitsfähig"; sogar der Falstaff euphemisiert den unbedingten Willen Roederers, den Wein zu verkaufen, mit "verführerischer Stil"). Auch nicht bei Léoville Las Cases oder Cos d'Estournel. Fantastische Weine, aber bei Brane Cantenac habe ich Gänsehaut bekommen, bei Gruad Larose bin ich still geworden, und bei Têrtre Rôtebœuf stand mir der Mund offen.
Nächstes Beispiel: Les Carmes Haut Brion. Der ist wirklich verdammt gut, wahrscheinlich der beste Pessac des Jahrgang und ziemlich sicher der beste, der die Worte Haut Brion im Namen trägt - was weniger liegt als an der singulären Qualität von LCHB liegt als vielmehr daran, daß ich Larrivet Haut Brion nicht im Glas hatte und La Mission Haut Brion und Haut Brion abgrundtief enttäuschend waren. Aber LCHB auf einem Level mit Figeac, einem meiner 100er und ein unglaublicher Wein? Jein. Denn im Gegensatz zu Figeac passiert nichts in mir. Klar bin ich beeindruckt, ich würde sogar plausibel finden, wenn 2025 LCHB
best ever wäre. Aber 100 Punkte? Geben wir ihm 98. Oder 99. Oder doch 100, weil ja das Konzept von Objektivität irgendwie doch noch im Hinterkopf wohnt und immer noch keine Miete zahlt? Oder 96-98, um meine rebellische Ader zu befriedigen? Hülfe!
Ach, was soll's. Ich habe keinen Ruf zu verlieren und keinen Umsatz zu gewinnen (oder umgekehrt). Ich mache das hier für mich, nicht für irgendjemand Anderen. So sehr, daß ich mir ernsthaft überlege, ob ich
überhaupt meine Wertungen einzustellen sollte. Aber erstens bin ich eitel genug

, und zweitens ist es vielleicht etwas lehrreich zu sehen, wie schnell der hedonistisch veranlagte Konsument an so etwas wie en-primeur-Verkostungen zerschellt.
Eine Sache möchte ich gerne noch abräumen:
Kle hat geschrieben: ↑Di 28. Apr 2026, 12:06
Noch lässt sich vielleicht sagen, 100 Punkte von einst sind 94 von heute. Irgendwann reicht die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen vielleicht nicht mehr aus, die beständigen Qualitätsverbesserungen sensorisch mitzugehen. Dann müssen wir 110 Punkte einfach glauben.
Jenseits der offenkundigen Beschränkungen, die Bepunktung auf einer geschlossenen Skala nun mal hat, ist der Denkansatz, 94 von einst seien 100 von heute, IMO unrichtig. Viele Weine haben in den letzten 20 Jahren einen unglaublichen Sprung nach vorne gemacht, nicht nur, aber halt auch im Bordelais - und dort insbesondere in der Spitze, wo Verbesserungen sich nicht so sehr in Steigerung der Qualität als vielmehr in Steigerung der Konsistenz niederschlagen: In jedem Jahrgang wird das aktuell Optimale herausgeholt. Natürlich gibt es Jahrgangsunterschiede, aber bei den absoluten Spitzenweine ist das eine Frage der Charakteristik, nicht eine der Qualität.
Schaut euch an, was geschrieben wird, und entscheidet euch dann, ob der Jahrgang etwas für euch sein könnte. (Hinweis: Die Charakterisierung von Jeff Leve ("creamy") teile ich ausdrücklich nicht. Die Weine haben nach meinem Geschmack Dichte und Schmelz, aber nur ganz, ganz vereinzelt sind die Weine sämig-cremig.) Und dann subst nur Erzeuger, deren Weine ihr kennt. Der Grund für dieses defensive Vorgehen ist die extreme Ausdifferenzierung stilitischer Unterschiede zwischen den Châteaux - die Weine sind wirklich grob verschieden voneinander. Wem Léoville Barton nie richtig gefällt, wird auch mit 2025 unglücklich werden. Wer den Erzeuger aber mag, bekommt 2025 einen superben Wein ins Glas - natürlich ganz anders als 2022 und auch wirklich anders als alles bisher Dagewesene (stilistisch, nicht qualitativ - hier setzt die zitierte Händlerlyrik ein, die man getrost verwerfen kann).
Ach so, noch etwas zu 2023: Den Jahrgang gab's stellenweise als
livrables auch zu verkosten. Ganz anders als 2025 und damit ein bißchen q.e.d. im obigen Sinne.
Wird fortgesetzt.
Cheers,
Ollie