Dominik Mueller hat geschrieben: ↑Fr 19. Jun 2026, 08:00
Wenn ich selbst an dem Beitrag etwas bemängeln wollte, wäre es eher die offensichtliche Gratwanderung zwischen der Kritik und dem etwas überraschend gekommenen Schluss, Bordeaux 2025 sei doch ganz fein und subskripierbar (...)
Dass
dieser Schluss überraschend kommt, liegt daran, daß der Text keinen roten Faden hat und selber nicht weiß, was er eigentlich aussagen möchte jenseits "Bordeaux Kommerz, Kommerz teuer, teuer schlecht, irgendwie".
Wie bereits von amateur angemerkt wurde: Die Verquickung von Entre-deux-mers und den Grands Crus Classés, die beide an völlig unterschiedlichen Problemen leiden. Die Geschichtsvergessenheit, ausgerechnet 1960 als Bezugsjahr für den "völlig anderen Rebsortenspiegel" zu wählen. (Es waren übrigens keine PiWis / interspezifische Rebsorten im heutigen Sinne, sondern durchaus pilzanfällige Hybride / Direktträger, die per EU-Entscheid gerodet werden mussten, weil die daraus gewonnenen Weine eher ungut waren. Schade, hatten sie doch Ruhm und Glanz des Bordelais begründet, nicht wahr?)
Abgesehen vom Klimawandel, der "das Atlantische" heutzutage etwas schwieriger macht als noch in den 70ern - auf welche "Klassik" wird hier also rekurriert? Die mit Foxton? Oder die ehrlich und bestimmt völlig unvergleichliche "Identität auch im günstigen Bereich", die vermittels Touriga Nacional und Alvarinho wiedergewonnen werden kann? (Wer argumentiert eigentlich, Weißwein sei der Obi-Wan Kenobi des Bordelais?)
Und dann diese brilliante Gedankenkette:
Stattdessen haben sie Bordeaux immer mehr und mehr kommerzialisiert und letztlich zu einem Massenprodukt gemacht.
Ahja, der Kommerz! Handel! Kapitalismus! In Bordeaux erst seit, Moment, 2009! Weswegen nun das Problem ist:
Die Lager der Zwischenhändler sind voll, es gibt zu viel Bordeaux am Markt.
Was aber doch kein Problem ist, sondern eine Stärke, weil:
Der größte Vorteil, den Bordeaux eigentlich hat, ist doch, dass man dort größere Mengen Wein in hoher Qualität erzeugen kann.
Was aber ein Problem ist, wenn sie diese Menge auch tatsächlich produzieren, denn sonst ist man wieder am Ausgangspunkt: "Massenprodukt", "zu viel Wein", "zu teuer". Weil es ja keinen Unterschied gibt zwischen Masse und Klasse, dabei ach ich weiß auch nicht genau, aber subst 2025, v.a. die ganzen kleinen, "ehrlichen" (wtf?) Weine, das lohnt sich voll hard und ist der richtige Schritt in die richtige Richtung, irgendwie!
Außerdem habe ich angefangen, gereifte Weine auf dem Sekundärmarkt zu kaufen, weil ich nun mal gerne Bordeaux trinke, vor allem die kühleren Jahre, die so wenig mit den parkerisierten, hoch konzentrierten Weinen zu tun haben, die so lange en vogue waren.
Schreibt's und öffnet einen 1990er, bekanntermaßen das kühlste der drei Kaltjahre 1988, 1989 und 1990. Vom Umstand abgesehen, daß man das Experiment eher nicht mit einem gleichalten deutschen Spätburgunder oder einem Bâtard-Montrachet durchführen könnte, um schlaue Meinungsartikel zu schreiben. Der Vollständigkeit halber: Solche Spätburgunder und BMs gibt's natürlich, wenn man das Sample sehr, sehr, sehr fein kuratiert. Chasse Spleen hingegen ist
run of the mill.
Ist die Verfügbarkeit alter und deutlich mit Genuss trinkbarer Weine nun ein
bug oder ein
feature? Sagt das irgendetwas aus über
noch eine Qualität, die Bordeaux hat, die vielleicht wichtig werden könnte bei der Wahrnehmung der Region?
Aber Rettung naht:
Sommeliers, die sie fast komplett verloren haben, zurück ins Boot holen? Und vielleicht auch die jüngeren Leute, die großenteils so gar nichts mit der elitären Etikette von Bordeaux anfangen können, indem man sich etwas nahbarer präsentiert?
Ach so, ja, richtig, Bordeaux ist
unnahbar (wtf?) und hat eine
elitäre Etikette (
wtf!?), weil... <hier muss jeder Leser seine eigenen Vorurteile raunen, der Artikel bricht ab wie der letzte Funkspruch der Challenger>.
Für Bullshit-Bingo ist aber noch Platz: "Parker" (Bingo!), "Gier" (Bingo!!), "meine Freunde in Neujork sagen das auch" ("Versenkt!!!"). Nunja, wenn solch Geistesschaffen gefällt, will ich dem Genuss nicht im Wege stehen. Als weiter, wie man bei uns sagt, als weiter.
Ich geh mir erst mal ein total preiswürdiges 2025er GG subsen, das lohnt sowas von.
Cheers,
Ollie
PS: Der Artikel von David Styles (iirc) auf Winesearcher, der hier neulich verlinkt wurde, war von ähnlich trauriger Qualität. Nichts von dem, was darin stand, könnte nicht durch den Jahrgangsbericht der Uni Bordeaux totgeschlagen werden wie ein räudiger Hund. Aber die Lust am "ist ja alles gar nicht so, wie die Medien schreiben" ist halt stark.
Winter is here, gell.