Bernd Schulz hat geschrieben: ↑Mi 22. Jul 2026, 07:30
um eine generelle Veränderung der Stilistik (nach dem Motto "weg vom *altdeutschen* Wein") ging es nach meiner damaligen Wahrnehmung nicht. Eine solche Veränderung hat bei den VDP-Winzern, die ihre(weißen) GGs nicht chaptalisieren oder anderweitig groß im Keller designen, übrigens auch gar nicht stattgefunden. Das, was diese Winzer als GG produzieren, ist im Prinzip immer noch die hochwertige Spätlese (oder je nach Mostgewicht Auslese) trocken, wie sie auch schon vor der Einführung der GGs auf die Flasche gebracht wurde.
Ich glaube, wir reden hier von zwei unterschiedlichen Dingen, nämlich: 1. Was nicht-chaptalisierende Weißweinwinzer tun und 2. was die VDP-Vordenker intendierten, als sie auch beim weißen GG die Anreicherung zuließen.
Nur weil manche GGs initial noch Prädikatsweine waren (oder sogar sind), heißt das nicht, daß die Fortführung des Prädikatsgedankens erklärte oder auch nur inkaufgenommene Absicht des GG-Konzepts war. Ganz im Gegenteil ist der Schwenk auf Qualitätswein und Lagenverbrauch genau der Idee geschuldet, daß ein trockener Wein aus eine Spitzenlage genau nur
eine, notwendigerweise optimale Inkarnation haben kann. Nicht drei (AL, SL, Kabinett). Deswegen nur
ein trockenes GG pro Lage, nur
ein trockener Wein mit Lagenbezeichung (eben das GG). Natürlich hätte in einer Lage das Optimum eine SL und in einer anderen eine AL sein können, aber weil AL höher angesehen war als SL, hätten Winzer mit einem SL-GG das Nachsehen gehabt, und am Ende wäre es zwangsläufig wieder zu einem Rennen um das Prädikat geworden: also doch alles "AL trocken". Das konnte nur durch Glattstellen des Prädikats verhindert werden: alles Qualitätswein trocken. Naja, was heißt hier trocken: Es stand nur "trocken" auf dem Etikett, aber das war bzw. ist nicht Schuld des VDP. RZ-Grenzwerte waren schon vorher eine heiße Kartoffel (s.a. "fränkisch-trocken", Rheingauer Charta, Rheingauer EG usw. usf., Breuers Austritt) und seit der 71er Revolution Gegenstand vieler lokaler und regionaler Initiativen.
Daß die Idee nicht gut abgesprochen oder umgesetzt war, in Deutschland vielleicht auch gar nicht gut funktioniert, noch nicht mal nur für VDP-Mitglieder, wenn man nur eine klassifizierte Große Lage hat (Koehler-Ruprecht: VDP-Austritt 2014) oder wenn man mehrere Lagen verschneidet (von Schubert, "Aus Großen Lagen" oder so, neulich) oder mehrere restsüße (und nicht nur
edelsüße, wie oben zitiert) Weine aus der Lage machen möchte (Mosel, Nahe), jeweils gestaffelt nach Prädikat, mag ja sein, ändert aber nichts an ihrer sehr frühen Existenz: Das (chaptalisierende!) Burgund war hier immer das Vorbild, und es gibt nur einen Montrachet aus dem Montrachet, oder so ähnlich, ihr wisst, was ich meine. Die
Durchsetzung der Idee fand zwar nicht von Anfang an statt, aber
die Idee gab es von Anfang an. (Tatsächlich erscheint mit die ganze Chose zunehmend als eine windschiefe Superposition aus der Bordelaiser Erzeuger- und der Burgunder Lagenklassifikation. Die Idee selbst ist muss aus den 70ern sein, vielleicht als Reaktion auf den 1971er Sündenfall, vielleicht sogar in Antizipation der Novellierung, und dann mahlen die Mühlen halt sehr langsam.)
Nochmal: Man kann nicht behaupten, die besten (= historisch wärmesten) Lagen zu haben, für den besten Wein daraus aber anreichern können zu müssen, um den optimalen Wein zu machen. Das geht nur, wenn man den bisherigen, prädikatsgeprägten Weinstil ändert, sonst hat das alles keinen Sinn, und jeder wird eine trockene Auslese machen. Dazu kam die Holzfassdiskussion, die per rotem GG auch final rettungsgeschusst wurde. Und damit war das GG von den stilistischen (und Wahrnehmung-)Fesseln des Alten Reiches befreit. Besonders deutlich sieht man das bei Rotwein und weißen Burgundersorten, besonders undeutlich bei Riesling. Aber beim GG-Konzept geht es halt auch
nicht hauptächlich um trockenen Riesling.
Zu behaupten, es sei damals gewollt worden, aus dieser hochkomplexen Gemengelage ein von Tag Eins an funktionierendes System zu formen, halte ich für grob ahistorisch - da will man den VDP für dööfer halten, als er ist. Aber es gab bei den Vordenkern durchaus relative fixe Zielbilder, auf die mittel- und langfristig hingearbeitet wurde. Und ich glaube nicht, daß es nur oder auch nur hauptsächlich um die Preiserhöhung ging, ebensowenig, daß nur eine solche dabei herumgekommen ist. Was ich hingegen sofort glauben kann, ist, daß nicht jeder VDP-Winzer mit den erklärten Zielen des GG-Konzepts übereinstimmt und deshalb immer noch Auslese trocken macht. Was dann die Weiterentwicklung des Konzepts seit 2001 entsprechend schlammig gestaltet hat. Aber das ist vielleicht eine dritte Sache.
Cheers,
Ollie