Hallo,
Im Rahmen einer kleinen Feier mit dem weinaffinen Teil meiner Verwandschaft wurden einige interessante Flaschen geöffnet. Alles ohne Notizen, aus dem Gedächtnis.
Los gings als Aperitif mit
Egon Müllers Scharzhofberger Riesling Qualitätswein 2021. 8,5% vol. Helles Gelb mit grünlichen Reflexen. Leise, zurückhaltende Nase, bisschen Frucht, bisschen Mineralität. Am Gaumen für mich ungeübten Restsüss-Trinker ein Wein im typischen Mosel-Kabinett-Stil, leicht, zart, insgesamt moderate Süsse, feinherbe Anmutung, da gute, abpuffernde Säure, schlank, interessante leichte Phenolik, schön zu trinken. Ja, warum nicht? Am Tisch hiess es: Sehr gut, bekomme ich aber bei Schloss Lieser oder Fritz Haag genauso gut, aber deutlich preiswerter. Habe dem nichts hinzuzufügen. (88 P. ?)
Weiter gings zum Spargelgang (als Salat mit Bärlauchdressing und überbacken mit Parmesan) mit
Randolf Kauers Oberweseler Ölsberg Riesling Spätlese trocken aus 2010. Toll gereift, aromatisch betörend, kandierte Aprikose, getrocknetes Gewürzkissen, absolut harmonisch und delikat, kein Petrol, grosse Zufriedenheit in der gesamten Runde, für mich auf dem Höhepunkt oder knapp dahinter, das wird nicht mehr besser, jetzt trinken! (92)
Ein dazwischen geschobener
2024er Silvaner 1GG von Wirsching (Lage weiss ich nicht mehr) war nicht schlecht, aber viel zu jung und fiel gegenüber dem Kauer deutlich ab (87).
Der
2020er Weissburgunder R von Schäfer Fröhlich war vor ca. einem Jahr ein absolutes Top-Erlebnis für mich, ich war begeistert. Diesmal fiel die Wertung zurückhaltender aus, gut bis sehr gut, ja, aber irgendwie fehlte mir die beissende Mineralik und grosse Tiefe, wirkte alles etwas leiser und braver… Schlechte Flasche? Tagesform? Wer weiss… (89)
Der erste Rote war ein Kleinod und vielleicht Geheimtipp vom Mittelrhein.
Marco Hofmann, Oberweseler St. Martinsberg Spätburgunder 2020. Dazu muss ich fairerweise vorausschicken, dass Marco Hofmann ein Freund von mir ist, und das mag mein Urteil beeinflussen. In der Nase vielleicht ganz leicht flüchtige Säure, die mit Luft aber verfliegt. Dann klassische Pinot-Aromen mit vorwiegend Kirsche, ein Hauch Himbeere, am Gaumen von eben jener Balance von Feinheit und Substanz, die ich an Spätburgunder so liebe. Sehr attraktiver, schiefermineralischer Nachhall. Sehe sehr gut. Leider nicht ganz billig. (91)
Weiter gings mit
Nicolas Rossignol, Volnay 1er Cru Ronceret 2010. Solider Erzeuger, guter Jahrgang. Wie ein Pommard eher auf der kräftigen Seite, viel Kraft und Substanz, aromatisch aber deutlich als Pinot zu erkennen, noch überraschend jung wirkend, insgesamt harmonisch und balanciert mit toller Säure, ein sehr guter Burgunder, wenn auch der letzte Schliff und tiefere Feinheit fehlte (89/90).
Zu den mediterran gewürzten Lammkotteletts wurde dann noch folgerichtig ein Bordeaux aufgezogen,
Sociando-Mallet 2012 aus der Magnum. Klassischer Bordeaux mit viel Cassis, Tabak und Leder, feinen, abgeschliffenen Tanninen, dennoch eher jung wirkend, ein ziemlicher Kraftprotz, der aber immer die Balance hielt. Am Tisch grosse Zufriedenheit, passte auch hervorragend zum Lamm, aber ich und Bordeaux… das wird einfach keine grosse Liebe mehr. Bdx. trinke ich eher selten, und oft ist mir das einfach zu viel, zu schwer, zu intensiv. Und wenn man dann auch noch hmit Cassis auf Kriegsfuss steht… aber nicht missverstehen, ein objektiv sehr guter Wein, nur nicht meine Stilrichtung. Von mir 88/89 P. (Am Tisch deutlich in den 90ern).
Zwischendurch wurden noch ein paar Naturweine kredenzt, da ein Teil der Verwnadschaft diesem Weinstil huldigt. Die „Aromenvielfalt“ sei das Attraktive an diesen Weinen, so hiess es. Ich habe die Weine mit Interesse probiert, und fand die auch in Ordnung (ohne Fehler) und durchaus nicht uninteressant, aber mir fehlt da einfach die Klarheit, Brillianz, Harmonie und Tiefe, die ich in sehr guten Weinen suche. Ich fürchte, das wird so bleiben, in Wein-Dingen bin ich einfach ein konservativer, alter, weisse Mann.

Ausserhalb der Wein-Bubble bin ich deutlich progressiver.
Insgesamt ein sehr schöner Abend mit Verwandten, die ich wirklich mag, und das ist ja nicht wenig.