Neue Rebfflächen

Von der Weinbergspflege bis zur Kellertechnik
Sebastopol
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von Sebastopol »

Hm, mir fällt auf, das auch hier wieder ausdrücklich von "Kellereien" und "Basisweinen" gesprochen wird. Und Recht hat er damit, solche Weine fehlen von deutschen Erzeugern in, Achtung, entsprechenden Qualitäten.
Wenn sichergestellt wird, das handwerklich erzeugte Weine aus traditionellen Gebieten und Lagen eindeutig unterscheidbar von den "neuen" Herkünften unterscheidbar sind, ja dann sage ich sofort: her damit!
Andernfalls sollten wir erstmal einen langen langen Blick auf 1971 und die Einführung der Großlage werfen. Wollen wir DAS wiederholen?

Der Gedanke ist keineswegs aus der Angst vor Konkurrenz und sinkenden Preisen geboren. Ich glaube schlichtweg das deutscher Wein schon unfassbar kompliziert ist, und das es dieser Faktor ist der einen Rückkehr auf die Weltbühne verhindert. Riesling Renaissance? In den Köpfen derer, bei denen er nie weg war. So lange es Ausgeburten wie halbtrockene rosé Auslesen für 5€ vom Winzer(!) gibt, ist unser Problem weniger die Menge, als die Deklaration und der resultierende Preis.

Und ganz am Rande, stets, immer und überall, von der Berufsschule bis zur Verbandstagung, habe ich nichts anderes gehört&gelernt das der deutsche Weinmarkt ein reiner Käufermarkt ist, das Angebot die Nachfrage weit übersteigt. Ja wat denn nu...? DWI, Weinbauverband,VDP, Statistisches Bundesamt, Weinhändler, alle doof?
"A German wine label is one of the things life's too short for, a daunting testimony to that peculiar nation's love of detail and organization."
Kingsley Amis Everyday Drinking
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UlliB
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von UlliB »

Sebastopol hat geschrieben: Und ganz am Rande, stets, immer und überall, von der Berufsschule bis zur Verbandstagung, habe ich nichts anderes gehört&gelernt das der deutsche Weinmarkt ein reiner Käufermarkt ist, das Angebot die Nachfrage weit übersteigt. Ja wat denn nu...? DWI, Weinbauverband,VDP, Statistisches Bundesamt, Weinhändler, alle doof?
Die Statistik an sich ist nicht verkehrt, nur wird sie wie so häufig falsch bzw. in einer ganz bestimmten Richtung interpretiert.

Ja, es ist richtig, dass in Deutschland der Durchschnittspreis einer verkauften Flasche Wein irgendwo bei 2,50 Euro liegt. Und da es sich bei diesem Preis um einen arithmetischen Mittelwert handelt, der auch jede verkaufte Flasche Lafite-Rothschild oder G-Max beinhaltet, werden die weitaus meisten Flaschen tatsächlich unter diesem Preis verkauft - die Preisverteilung ist asymmetrisch und rechtsschief.

Hierzu ist zweierlei zu bemerken:
- die Situation ist keineswegs neu, sondern besteht seit Jahren so, und offensichtlich kommen die meisten deutschen Winzer damit bislang zurecht;
- der Markt ist hochgradig segmentiert, das heißt, ein mögliches weiteres Absinken des Durchschnittspreises in Folge einer Liberalisierung der Rebflächenvergabe wird auf die höheren Preissegmente keinerlei Einfluss haben.

Die grundlegende Aussage, dass es sich beim deutschen Weinmarkt um einen reinen Käufermarkt handelt und das Angebot die Nachfrage weit übersteigt, ist für das untere Preissegment bis vielleicht 3 oder 4 Euro pro Flasche ganz sicher richtig. Im Preissegment darüber gilt sie aber nicht mehr, und vor allem interessiert eine Preisbewegung im Basissegment die Käufer der höherpreisigen Weine überhaupt nicht: wer bereit ist, bei seinem Hauswinzer einen Preis zwischen 5 und 10 Euro für eine Flasche zu bezahlen, wird nicht plötzlich seinen Weinvorrat beim Discounter kaufen, weil dort der Preis einer Flasche dort um 10 oder 20 Cent gefallen ist. Im wirklichen Hochpreissegment jenseits von 10 Euro gelten so und so ganz andere Regeln.

Schwierigkeiten bekommt nicht der Winzer, der hochwertige Produkte herstellt und dafür Kunden gefunden hat - der hat bereits jetzt bewiesen, dass er dem Wettbewerb standhält, und ein weiteres Abgleiten der Preise im unteren Segment betrifft ihn nicht. Schwierigkeiten bekommen die Erzeuger, die den absoluten Massenmarkt bedienen. Aber die arbeiten wohl höchst selten in Steillagen (das immer wieder vorgebrachte Argument der Landschaftserhaltung...) und hängen ohnehin schon am Subventionstropf.

Gruß
Ulli
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Weinzelmännchen
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Neue Rebfflächen versus Rebflächenreduktion

Beitrag von Weinzelmännchen »

Im Südburgenland geht die Tendenz offenbar in die andere Richtung. Schafe statt Rebflächen ist dort die Devise, so wird heute im ORF berichtet :arrow: http://burgenland.orf.at/news/stories/2530500/

Interessant ist, dass sich keine Weinbaubetriebe finden, die diese Flächen bewirtschaften wollen.
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Daniel
reblaus75
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von reblaus75 »

Ich glaube, dass es sowohl Platz für einfachen, günstigen Wein als auch für teurere Qualitätssorten gibt. Man sollte die Konsumenten entscheiden lassen und diese Regulierungen ersatzlos streichen.

Die Medienlandschaft ist heute andes als 1971, jeder, der es will, kann sich bestens informieren. Die Regulierungen bringen fast nur Bürokratie, die kostet Geld und macht den Wein teuer.
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Weinzelmännchen
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von Weinzelmännchen »

Das Thema scheint wieder aktuell zu werden. Neben der Zunahme der Rebflächen soll es auch zu einer "Liberalisierung" der zugelassenen Rebsorten kommen.

:arrow: http://derstandard.at/1345165984608/Wei ... Geisenheim

Meine persönliche Meinung zur "Liberalisierung": ich habe nichts dagegen, vielleicht kommen ja auch Rebsorten zu uns, denen man gar nicht zugetraut hätte, in unseren Klimazonen zu reüssieren.
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Daniel
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Alas
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von Alas »

Hallo Daniel!

Im Prinzip bin ich ganz deiner Meinung. Rebsorten, die irgendwo ihren Stammplatz haben, werden vermutlich in der Regel sowieso dort die besten Weine hervorbringen.
Witzig finde ich was der Journalist in der Zeitung schreibt,:

'Die Chancen stehen also gut, dass die Konsumenten keinen italienischen Riesling oder österreichischen Montepulciano trinken werden.'

gibt es doch in Österreich aus Deutschland stammenden Riesling und darüber hinaus wird er schon längst in Italien und aller Welt angebaut.
Dazu eine kleine Story:

Seit cirka einem halben Jahr finden sich n Tel Aviv diese Graffitis:
Riesling.jpeg
Nun könnte man vermuten, daß einer oder mehrere mit der Rieslingversorgung nicht einverstanden sind. Zwar kann man ganz guten Riesling aus dem Elsaß kaufen, und ein wenig gibt es hier aus dem eigenen Land, aber insgesamt ist das Angebot doch recht dünn, besonders aus Deutschland. Gerade mal zwei trockene gibt es, die nicht gut sind.
Nun habe ich beobachtet, ob auf die Graffitti hin etwas passiert.
Aus Deutschland kamen neu zwei Weine:

Wegeler Erben Geisenheimer Rothenberg Eiswein 1994 207,- €
Blu Nun Pink 8,- €

Toll!

Sodann sind die Österreicher insgesamt mit 6 Weinen ganz neu auf dem Markt, u.a. mit diesen zu ganz passablen Preisen:

Salomon Riesling Undhof Kögl Erste Lage Kremstal 2010
Berger Grüner Veltliner Lössterassen 2010
Alzinger Gruner Veltliner Frauenweingarten Federspiel 2010


Am geschicktesten haben es die Italiener gemacht. In allen Weinhandlungen gab es als Sonderangebot diesen Wein:
Ca Vescovo.jpeg
Gruß

Alas
wat den een sien uhl is den annern sien nachtigall
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Gerald
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von Gerald »

Ein anderer - für den Gourmet nicht gerade erfreulicher - Aspekt neuer Rebpflanzungen wurde gestern abend in einer Dokumentation über die Périgord-Trüffel (arte) erwähnt: seitdem in der Nähe des interviewten Bauern Weinbau betrieben wird (mit den dafür notwendigen Spritzungen) sind die Trüffel verschwunden :( Eigentlich ja nicht ganz unplausibel, denn die Trüffel (Tuber melanosporum) gehört zur selben Abteilung (Schlauchpilze) wie viele Schaderreger im Weinbau ...

Grüße,
Gerald
MichaelWagner
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von MichaelWagner »

hmmm...schon seltsam, dass gerade in einem solchen Forum, die Meinung scheinbar contra Anbaustop geht. Es muss doch wohl jedem hier klar sein, dass die Aufhebung des Anbaustop nicht zum Anstieg des durchschnittlichen Qualitätsniveau beitragen wird, sondern zu einer weiteren Überschwemmung des Marktes mit Billigerbilligerbilliger...
wenns läuft, dann läufts. Aber bis es läuft, dauerts...
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UlliB
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von UlliB »

MichaelWagner hat geschrieben: Es muss doch wohl jedem hier klar sein, dass die Aufhebung des Anbaustop nicht zum Anstieg des durchschnittlichen Qualitätsniveau beitragen wird,
Richtig. Aber aus den von mir schon weiter oben genannten Gründen auch nicht zu einem Absinken der Qualität in den oberen Segmenten. Und nur diese Segmente interessien mich (und vermutlich die meisten hier).
sondern zu einer weiteren Überschwemmung des Marktes mit Billigerbilligerbilliger...
Von mir aus können die Leute mit dem Billigzeug ihre Klospülung füllen, wenn das Zeug irgendwann einmal preisgünstiger als Leitungswasser ist. Und wer Geld durch Investition in einen Sektor versenken möchte, in dem ohnehin nur noch Verdrängungs- und Vernichtungswettbewerb herrscht: nur zu...

Gruß
Ulli
MichaelWagner
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von MichaelWagner »

freut mich ja und es wäre schön, wenn alle nur das Beste und feinste wollen und auch bereit sind den entsprechenden Obulus zu entrichten, aber die deutsche Weinwirtschaft braucht zum Überleben leider auch die Masse...ansonsten ist nämlich auch im oberen Segment Schicht im Schacht.
wenns läuft, dann läufts. Aber bis es läuft, dauerts...
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