Auf ein Glas ..... 2006 Nine Lives, Shiraz

eingeschenkt von: susa – Plaudereien über Gott und die Welt und auch über Wein
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susa
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Auf ein Glas ..... 2006 Nine Lives, Shiraz

Beitrag von susa »

Herrschaften, machen wir uns nichts vor: Weintrinken ist nicht sexy! Da beißt die Maus kein Faden ab.

Da hilft es auch nicht, dass der smarteste aller Geheimagenten ihrer Majestät (Glückwunsch auch zum Dienstjubiläum, HRH, 60 Jahre in einer Firma und immer noch fit wie ein Turnschuh, à la bonheur) also wenn Bond, James Bond, hin und wieder einen Dom Perignon ordert oder, wie in einer der letzten Missionen, einen Angelus aus einem grauslichen Jahrgang . Sexappeal hat der gute James wegen seines Wodka-Martini erworben, shaken not stirred, bzw. inzwischen altersweise oder gagmüde geworden "Do I look like I give a damn?"

Auch das rührige Engagement der Toten Hosen um den wirklich wunderbar knackig f***trockenen Riesling "Weißes Rauschen" bleibt in der Szene weitgehend unberücksichtigt. "Tage wie diese" werden mit Bier begossen, oder Tequila. Eine Schlegelflasche deftig an die Lippen gesetzt, den Kopf in den Nacken gelegt und runter damit, sagt selbst, es funktioniert einfach nicht.

In den USA gehört es zwar inzwischen zum guten Ton alt gedienter Rockzirkuspferde, dass man einem Wein zumindest seinen Namen gibt, auch wenn es sich bei dem jüngsten Projekt "Wines that rock" um ein nicht unflottes Konzept der Mendocino Wine Group handelt, den inzwischen gesettelten Kundenkreis der Fans der Grateful Dead, AC/DC oder Rolling Stones usw. zu erschließen oder zu erhalten. Sollten die Weine schmecken, wie Angus Young auf der Bühne rumhüpft oder wie Woodstock nach dem zweiten Regenguss, möchte ich das eigentlich nicht in die guten Riedels oder Zaltos geben müssen.

My two cents in dieser Richtung sind: So geht das nicht weiter! Wollen wir wirklich als verklemmte Schwenkriecher mit esoterisch versonnenem Augenaufschlag wahrgenommen werden, die aberwitzige Geschmackskombinationen (ein Hauch gebranntes Salzkaramell und Teer mit Waldgeißblatt und Lapsang Souchong) aus 0.1 l gelber oder roter Flüssigkeit herausinterpretieren? Und sich dabei noch nicht mal gegenseitig anfassen, von einem Begrüssungsbusserl mal abgesehen. Und in Zimmerlautstärke oder sogar noch darunter geheimnisvoll flüstern? Und im Hintergrund klingt leise "Diamonds and Pearls"in der Interpretation von Marcin Wasilewski.

Die Herrschaften von Captain Cork versuchen natürlich, in dieser resp. in Gegenrichtung Pionierarbeit zu leisten. Allerdings ist die etwas inflationäre Verwendung des A****Wortes alleine noch keine Garantie. Immerhin ein Anfang.

Auch der Winepunk!bewegt sich abseits der ausgelatschten Pfade und verbindet fette Weine und ebensolche Musik, mag es "authentisch"! Die Idee ist ausbaufähig, die Weine sind teilweise grandios.

Und Cordula Eich beantwortet in ihrem SuperSchoppenSchopper meine frei nach Frank Zappa immer wieder gestellte Frage "Does humor belong in wine?" mit einem eindeutig "Yes, it does!"

Fazit: Es bietet sich hier eine Chance neben sanften Erbauungsgeschichten (meine Wenigkeit), hochintellektellen öno-philosophischen Elaboraten (Matthias H.), Terroirdiskussionen (Markus V.), schon fast akademischer Reiselektüre (Torsten H.) mal die Bude richtig zu rocken. Packen wir's an, machen wir's doch einfach auch mal, frisch, kratzbürstig, locker, sexy – hey, it's only Rock 'n Roll, but I like it – auch und besonders mit einem Glas oder meinethalben auch einer ganzen Flasche Wein in der Hand, lauter Musik ohne jeden intellektuellen Anspruch aber mit viel feeling, was ein himmelweiter Unterschied zu Gefühl ist.

Schließlich können wir dieses Gute-Laune-Terroir nicht dem Dirk Würtz ganz allein überlassen, der uns immerhin zeigt, dass man auch dann wichtige und ernste Themen behandeln kann, wenn man nicht in Schlips und Kragen daherkommt, mit akademischem Ernst doziert, am End noch ganz ohne Musik und die Grillbratwurst mit Messer und Gabel essend.

Dazu eignen sich manche Weine mehr, andere weniger. Den größten Sexappeal haben für mich die fetten Spanier, die Riberas, Riojas und vor allem die Prioratweine, wuchtig, alkoholschwer, rau, in Frankreich am ehesten fette Syrahs von der Rhône (da fällt mir gleich Jean Luc Colombo ein) und am allerwenigsten im Burgund, dort ist alles so elegant, so zurückgezogen, so stiff upper lip. Fast wie Düsseldorf, Rhône oder auch der französische Südwesten würde dann die Position von Köln besetzen, "drenk doch enne met, stell Dich net esu an!"

Um es aber richtig krachen zu lassen und nicht nur verdammt gute Weine zu genießen, sondern dabei auch noch viel Spaß zu haben, dazu begibt man sich am besten – wenn auch meistens nur mit dem Finger auf der önologischen Landkarte – nach Australien. Die Geschichten vieler Güter lesen sich ähnlich, ehrliche Jungs vom Land gründen ein Weingut, schuften, dass die Schwarte knackt und haben trotz und vor allem Spaß. Schon die Namen der Weine lassen keinen Zweifel dran, Wein ist keine Religion, wine is fun. Würde man in Europa ein Weingut "Verrückter Hund" nennen? "Chien fou"? "Perro loco"? Das bescherte der Mad Dog Winery 2003 nach einer für sie phänomenal gelaufenen Verkostung dann auch folgerichtig die Schlagzeile "Mad Dog bites Grange".

Auch Mollydooker, die ich ja schon öfter in dieser Hinsicht lobend erwähnt habe, arbeiten in ihrem neusten Projekt "The Ringmaster General" mit Dave Stewart zusammen, das Video ist durchaus sehenswert (musikalisch hab ich vom guten Dave schon besseres gehört) guxu hier.

Was passiert, wenn man eine Katze in einen Taubenschlag steckt, kann sich jeder denken, aufgeregtes Flügelschlagen und ein ordentliches Massaker mit viel fliegenden Federn, Blut, Gegurre und zum Schluss sind alle Tauben tot und die Katze ist satt, rund, zufrieden und schaut als könne sie kein Wässerchen trüben mit diesem "Ich war's nicht, das war schon so!"-Blick.
Was sich ein Weingut auf die Fahne schreibt, das sich "Cat amongst the pigeons" nennt, liegt also auf der Hand, die ganze Sache mal aufmischen und die fetten Tauben das Fürchten lehren.

Das geht gut, zum Beispiel mit

2006 Nine Lives
Cat Amongst the Pigeons, Barrossa Valley

Ein wirklich dichter, wuchtiger, fast öliger (um mal die Vokabel fett etwas weniger inflationär zu benutzen, obwohl von Mouthfeeling her fett wirklich besser passt als ölig) Shiraz mit Spaßgarantie für alle, die es kräftig, aromatisch, dicht, rustikal und doch komplex und anspruchsvoll lieben.

Dichtes undurchsichtiges Schwarzrot, in der Nase dunkle Beeren wie Brombeeren, Heidelbeeren, schwarze Johannisbeeren, Vanille, Holzwürze und am Gaumen eine kleine Explosion, Beerenfrucht, Bitterschokolade, Mocca, vanillige Holzwürze aber auch erdig-mineralische Noten und noch ordentlich Tannin, dazu ein langer wuchtiger Abgang.

Hier passt gegrillte Merguez oder auch einfach nur ein richtig großes T-Bone-Steak auf dem Grill und Musik, laut, krachend, ehrlich, ein australisches Fußballspiel auf einem Bildschirm im Hintergrund ohne Ton kann auch nicht schaden.

In diesem Sinne: Have a nice day!
Red wine with fish. Well, that should have told me something.
James Bond in From Russia with Love
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GottfriedStutz
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Re: Auf ein Glas ..... 2006 Nine Lives, Shiraz

Beitrag von GottfriedStutz »

„Recht hat sie, leider“ dachte ich.

Bis mir eingefallen ist, dass Bier aus einem Bauchnabel auch nicht so toll ist. Und dann sind mir noch mal eineinhalb Situationen in den Sinn gekommen, die der These, dass Weintrinken nicht sexy sei, ein wenig entgegenstehen.

Davon abgesehen, bin ich, wie immer, einig!
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T's Weinblog
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Re: Auf ein Glas ..... 2006 Nine Lives, Shiraz

Beitrag von T's Weinblog »

Wie Recht du wieder einmal hast! "Wein-Saufen" ist immer viel zu elitär! Deswegen gibt's auch so wenig Nachwuchs... :D Was sich aber auch schon gebessert hat!
Zwei Dinge muss ich anprangern: Wein ist sexy und Bier ist nicht das einzige! :lol:
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