es war mal wieder Zeit, einige "Schätzchen" aus dem Keller zu heben und in kleiner Runde zu geniessen. Vorgestern trafen sich insgesamt 10 Weinbegeisterte, die sich auf insgesamt 16 Weine (5x weiss, 11x rot) freuen konnten. Leider hatten wir 3 Ausfälle, zweimal deutlicher Kork und einmal war der Wein zu weit gereift und deutlich oxidativ. Dazu aber später mehr. Die restlichen 13 Weine konnten aber wirklich überzeugen, sogar teilweise begeistern, was aber im Vorfeld beim Zusammenstellen der Probe zu erhoffen war. Probiert wurde wie immer "blind", wobei nach jedem Wein aufgelöst wurde. Am Ende sollte dann jeder Teilnehmer ausschließlich nach individuellem Gusto seine 3 Lieblingsweine (Platz 1, 2 und 3) nennen, sodass wir ein natürlich nicht repräsentatives Ranking am Ende der Probe erhalten. Die Weine wurden bereits am Nachmittag belüftet, aber nicht dekantiert, um eine Entwicklung im Glas zu erleben und den älteren Weinen nicht gleich den "Todesstoss"
Als Einstieg noch vor der eigentlichen Probe gab es zum Aperitif folgenden Champagner:
2017er Mono-Village Oger Grand Cru BdB Extra Brut (Pertois-Moriset, Mesnil-sur-Oger)-Champagne-
100% Chardonnay---ca. 3,5 Jahre Hefelager---degorgiert Oktober 2021----Dosage 2 gr.---12,5 Vol%--
Zartes Strohgelb mit eleganter Perlage, typische Agrumennote mit Brioche, sehr fein und komplex, am Gaumen cremig-trocken mit perfekter Malo, ausgeglichen und in sich ruhend, sehr saftig, eingebundene Säure ohne jegliche Säurespitze, zarte Gelbfrucht, hefig-nussig, sehr klar mit angenehmer Länge. Perfekter Blanc de Blancs, der Frische und zarte Fülle auf sehr angenehme Art vereint.
Danach starteten wir mit den 5 Weißweinen:
2015er Sulzfelder Sylvaner "Creutz" QW trocken (Luckert, Sulzfeld) -Franken-
über 140 Jahre alte Reben mit allen 4 Silvanervarietäten (grün, gelb, rot und blau)--wenige hundert Flaschen Produktion--
Sicherlich der "Kult-Silvaner" schlechthin und möglicherweise der aktuell teuerste Weißwein mit Schraubverschluss weltweit
Schon in der Nase kein "Lautsprecher", sehr elegante und feine Nase mit dezenter Frucht (Ringlow, Birne), Hauch Manuka-Honig, hintergründige Würze, schon in der Nase Tiefe andeutend, am Gaumen "fränkisch" trocken, perfekt tarierte Säure, die den Extrakt gut konterkariert, trotz 13,5 Vol% ein überhaupt nicht mastiger Wein, am Gaumen elegante Gelbfrucht mit zarter Mineralität, die einen fein-schmirgelnden Grip verleiht, souveräne Länge mit immer noch einiger Frische. Der Wein entspricht nicht dem häufig gängigen Rebsortenbild, so dass auch die silvanererprobten Teilnehmer am Tisch ihre Zuordnungs-Probleme hatten. Typizität hin oder her--- dieser Wein ist ein Statemant für diese Rebsorte und ohne wenn und aber ein großer Wein, der eben seinen Preis hat.
2009er Monzinger Halenberg Riesling GG (Emrich-Schönleber, Monzingen) -Nahe-
Die Schönlebers gehören schon seit vielen Jahren zu den deutschen Top-Produzenten in Sachen Riesling und haben fast im Alleingang die Lage Halenberg weltweit bekannt gemacht. Der Wein zeigt auch, dass hier Könner am Werk sind:
Wunderbar feine, durchaus intensive Frucht (reifer Weinbergspfirsich, Ananas, Grapefruit) mit einem Hauch Exotik, extrem ausgewogen und in sich ruhend, zarte Honignote, sehr speichelziehend, am Gaumen trocken mit ein paar Gramm passenden Restzucker, die Säure spielt gekonnt dagegen an, viel Extrakt, ohne plüschig zu wirken, Alkohol (13 vol%) perfekt eingebunden, auch am Gaumen viel Agrumen-Frucht mit etwas Exotik (Maracuja), jetzt perfekt gereift, echte Delikatesse mit langem Abgang. Angenehm traditioneller Riesling-Stil ohne Reduktion und modernen Schnick-Schnack. Sicherlich einer der Top-Rieslinge des Jahrgangs.
2018er Corton-Charlemagne Grand Cru (Marius Delarche, Pernand-Vergelesses) Burgund-
Der sympathische Familienbetrieb aus Pernand-Vergelesses erzeugt Jahr für Jahr einen hochklassigen Corton-Charlemagne, der zu den besten und gerade noch bezahlbaren Exemplaren dieses Grand Crus zu zählen ist:
phantastische Nase mit grosser Tiefe, perfekter Holzeinsatz mit hintergründiger Pikanz, zarte Gelbfrucht, ausgewogen und elegant, noch viel Potential andeutend, am Gaumen trocken mit deutlicher Extraktsüsse, die Säure in Verbindung mit den sanften Holztanninen sorgt für Struktur, der Wein hat in diesem warmen Jahr natürlich Power (13,5 Vol%), ist aber gleichzeitig so fein und elegant am Gaumen wie es nur ein grosser Wein sein kann, zarte Gelbfrucht, einiges an Mineralität, eine Prise Salz, sehr komplex und ausgesprochen lang im Abgang. Ein Top-Corton, der trotz seiner Jugend jetzt schon wunderbar zu trinken ist, bestimmt aber in 5-10 Jahren noch besser sein wird. Wer es sich leisten kann, sollte diesen Wein unbedingt kaufen. Mehr Corton-Charlemagne für einen ganz knapp dreistelligen EURO-Betrag geht fast nicht.
1996er Vina Tondonia blanco Gran Reserva (Lopez de Heredia, Haro) -Rioja-
10 Jahre Ausbau in gebrauchten amerikanischen Barriques---90 % Viura, 10 % Malvasia---Produktion: 6.451 Flaschen--
Dieser einzigartige Wein mit extrem treuer Fangemeinde entzieht sich jeder Kathegorisierung und ist in der Weinwelt ein Unikum mit absolutem Alleinstellungsmerkmal. Aufgrund der geringen Produktion und der "starrsinnigen" Besitzerfamilie, die keinerlei Ausweitung des betrieblichen Weißweinanteils anstrebt, bestand trotz langer Zeit sehr fairen Preises die Problematik darin, überhaupt an ein paar Flaschen dieses Weines zu kommen. Mittlerweile sind allerdings die Preise für diesen Wein explodiert. Geringes Angebot und starke, weltweite Nachfrage haben dafür gesorgt.
Das ist sehr schade, da jeder ambitionierte Wein-Nerd diesen Wein mal probiert haben sollte. Der Wein polarisiert natürlich. Wer frische Frucht bevorzugt, ist hier natürlich völlig falsch. Wer Komplexität, Würze, Reife und das Umanihafte schätzt, wird diesen unkaputtbaren Wein lieben.
Der Wein schafft schon in der Nase die Quadratur des Kreises, in dem er eine für dieses Alter unheimliche Frische mit reifen Akzenten verbindet, fruchtmässig etwas Apfel, deutliche Altholznoten, enorme Würze, etwas salin, nussig, Hauch Bohnerwachs, Waldpilze, ein winziger Hauch Petrol und Honig, extrem komplex, am Gaumen dann kompromisslos trocken, saftige Säure, Alkohol (12,5 Vol%) spielt überhaupt keine Rolle, etwas reifer Apfel, Hauch Grapefruit, die Hauptrolle übernimmt die Würze, Altholz, Hauch Gerbstoff, hefig-salzig, deutlich Umani-Charakter, reif und frisch zugleich, sehr lang am Gaumen. Grandioser Wein für alle Liebhaber dieser Stilistik.
Zum Abschluß der Weißwein-Serie noch ein restsüsses Finale, auch in Andenken an den genialen und leider kürzlich verstorbenen Hans-Günter Schwarz, der eine ganze Winzer-Generation mit seinem Können und Wissen befruchtet hat:
1998er Mußbacher Eselshaut Riesling Eiswein (Müller-Catoir, Haardt) -Pfalz-
farblich schon etwas cognacfarben, klassische Rieslingnase mit reifem Pfirsich, Ananas, feinsten Honignoten, etwas Piment, komplex schon in der Nase, am Gaumen perfekt eingebundene, überhaupt nicht marmeladige Süsse, stringente Säure, die den Zucker perfekt austariert, sehr dicht, leicht im Alkohol (9,5 Vol%), massives, aber nicht aufdringliches Frucht-Potpourri, Pfirsich, tropische Früchte, Agrumen, eine echte Delikatesse mit langem, fruchtig-würzigen Nachklang. Leider waren das meine letzten beiden, halben Flaschen. Der Wein hat auf jeden Fall das Potential für jahrzehntelange Lagerung. Ein absolut großartiger Süsswein.
Danach mussten wir uns alle erst einmal mit Schinken, Käse und ein paar Leckereien stärken, um den folgenden 11 Rotweinen auch gewachsen zu sein
Fortsetzung folgt voraussichtlich morgen !
LG
Bodo