3. "Kultweinprobe" in Würzburg

Berichte von Verkostungen mit Weinen aus mehreren Ländern/Regionen (sonst bitte im Länderforum einstellen)
Antworten
weinaffe
Beiträge: 1358
Registriert: Mo 6. Dez 2010, 13:19
Bewertungssystem: Auf Benutzername klicken

3. "Kultweinprobe" in Würzburg

Beitrag von weinaffe »

Hallo zusammen,

es war mal wieder Zeit, einige "Schätzchen" aus dem Keller zu heben und in kleiner Runde zu geniessen. Vorgestern trafen sich insgesamt 10 Weinbegeisterte, die sich auf insgesamt 16 Weine (5x weiss, 11x rot) freuen konnten. Leider hatten wir 3 Ausfälle, zweimal deutlicher Kork und einmal war der Wein zu weit gereift und deutlich oxidativ. Dazu aber später mehr. Die restlichen 13 Weine konnten aber wirklich überzeugen, sogar teilweise begeistern, was aber im Vorfeld beim Zusammenstellen der Probe zu erhoffen war. Probiert wurde wie immer "blind", wobei nach jedem Wein aufgelöst wurde. Am Ende sollte dann jeder Teilnehmer ausschließlich nach individuellem Gusto seine 3 Lieblingsweine (Platz 1, 2 und 3) nennen, sodass wir ein natürlich nicht repräsentatives Ranking am Ende der Probe erhalten. Die Weine wurden bereits am Nachmittag belüftet, aber nicht dekantiert, um eine Entwicklung im Glas zu erleben und den älteren Weinen nicht gleich den "Todesstoss" ;) zu versetzen. Da ich die Weine auch noch über 1-2 Tage weiterverfolgen wollte, war das sicherlich die richtige Entscheidung.

Als Einstieg noch vor der eigentlichen Probe gab es zum Aperitif folgenden Champagner:

2017er Mono-Village Oger Grand Cru BdB Extra Brut (Pertois-Moriset, Mesnil-sur-Oger)-Champagne-
100% Chardonnay---ca. 3,5 Jahre Hefelager---degorgiert Oktober 2021----Dosage 2 gr.---12,5 Vol%--
Zartes Strohgelb mit eleganter Perlage, typische Agrumennote mit Brioche, sehr fein und komplex, am Gaumen cremig-trocken mit perfekter Malo, ausgeglichen und in sich ruhend, sehr saftig, eingebundene Säure ohne jegliche Säurespitze, zarte Gelbfrucht, hefig-nussig, sehr klar mit angenehmer Länge. Perfekter Blanc de Blancs, der Frische und zarte Fülle auf sehr angenehme Art vereint.

Danach starteten wir mit den 5 Weißweinen:

2015er Sulzfelder Sylvaner "Creutz" QW trocken (Luckert, Sulzfeld) -Franken-
über 140 Jahre alte Reben mit allen 4 Silvanervarietäten (grün, gelb, rot und blau)--wenige hundert Flaschen Produktion--

Sicherlich der "Kult-Silvaner" schlechthin und möglicherweise der aktuell teuerste Weißwein mit Schraubverschluss weltweit :lol:
Schon in der Nase kein "Lautsprecher", sehr elegante und feine Nase mit dezenter Frucht (Ringlow, Birne), Hauch Manuka-Honig, hintergründige Würze, schon in der Nase Tiefe andeutend, am Gaumen "fränkisch" trocken, perfekt tarierte Säure, die den Extrakt gut konterkariert, trotz 13,5 Vol% ein überhaupt nicht mastiger Wein, am Gaumen elegante Gelbfrucht mit zarter Mineralität, die einen fein-schmirgelnden Grip verleiht, souveräne Länge mit immer noch einiger Frische. Der Wein entspricht nicht dem häufig gängigen Rebsortenbild, so dass auch die silvanererprobten Teilnehmer am Tisch ihre Zuordnungs-Probleme hatten. Typizität hin oder her--- dieser Wein ist ein Statemant für diese Rebsorte und ohne wenn und aber ein großer Wein, der eben seinen Preis hat.

2009er Monzinger Halenberg Riesling GG (Emrich-Schönleber, Monzingen) -Nahe-
Die Schönlebers gehören schon seit vielen Jahren zu den deutschen Top-Produzenten in Sachen Riesling und haben fast im Alleingang die Lage Halenberg weltweit bekannt gemacht. Der Wein zeigt auch, dass hier Könner am Werk sind:
Wunderbar feine, durchaus intensive Frucht (reifer Weinbergspfirsich, Ananas, Grapefruit) mit einem Hauch Exotik, extrem ausgewogen und in sich ruhend, zarte Honignote, sehr speichelziehend, am Gaumen trocken mit ein paar Gramm passenden Restzucker, die Säure spielt gekonnt dagegen an, viel Extrakt, ohne plüschig zu wirken, Alkohol (13 vol%) perfekt eingebunden, auch am Gaumen viel Agrumen-Frucht mit etwas Exotik (Maracuja), jetzt perfekt gereift, echte Delikatesse mit langem Abgang. Angenehm traditioneller Riesling-Stil ohne Reduktion und modernen Schnick-Schnack. Sicherlich einer der Top-Rieslinge des Jahrgangs.

2018er Corton-Charlemagne Grand Cru (Marius Delarche, Pernand-Vergelesses) Burgund-
Der sympathische Familienbetrieb aus Pernand-Vergelesses erzeugt Jahr für Jahr einen hochklassigen Corton-Charlemagne, der zu den besten und gerade noch bezahlbaren Exemplaren dieses Grand Crus zu zählen ist:
phantastische Nase mit grosser Tiefe, perfekter Holzeinsatz mit hintergründiger Pikanz, zarte Gelbfrucht, ausgewogen und elegant, noch viel Potential andeutend, am Gaumen trocken mit deutlicher Extraktsüsse, die Säure in Verbindung mit den sanften Holztanninen sorgt für Struktur, der Wein hat in diesem warmen Jahr natürlich Power (13,5 Vol%), ist aber gleichzeitig so fein und elegant am Gaumen wie es nur ein grosser Wein sein kann, zarte Gelbfrucht, einiges an Mineralität, eine Prise Salz, sehr komplex und ausgesprochen lang im Abgang. Ein Top-Corton, der trotz seiner Jugend jetzt schon wunderbar zu trinken ist, bestimmt aber in 5-10 Jahren noch besser sein wird. Wer es sich leisten kann, sollte diesen Wein unbedingt kaufen. Mehr Corton-Charlemagne für einen ganz knapp dreistelligen EURO-Betrag geht fast nicht.

1996er Vina Tondonia blanco Gran Reserva (Lopez de Heredia, Haro) -Rioja-
10 Jahre Ausbau in gebrauchten amerikanischen Barriques---90 % Viura, 10 % Malvasia---Produktion: 6.451 Flaschen--
Dieser einzigartige Wein mit extrem treuer Fangemeinde entzieht sich jeder Kathegorisierung und ist in der Weinwelt ein Unikum mit absolutem Alleinstellungsmerkmal. Aufgrund der geringen Produktion und der "starrsinnigen" Besitzerfamilie, die keinerlei Ausweitung des betrieblichen Weißweinanteils anstrebt, bestand trotz langer Zeit sehr fairen Preises die Problematik darin, überhaupt an ein paar Flaschen dieses Weines zu kommen. Mittlerweile sind allerdings die Preise für diesen Wein explodiert. Geringes Angebot und starke, weltweite Nachfrage haben dafür gesorgt.
Das ist sehr schade, da jeder ambitionierte Wein-Nerd diesen Wein mal probiert haben sollte. Der Wein polarisiert natürlich. Wer frische Frucht bevorzugt, ist hier natürlich völlig falsch. Wer Komplexität, Würze, Reife und das Umanihafte schätzt, wird diesen unkaputtbaren Wein lieben.
Der Wein schafft schon in der Nase die Quadratur des Kreises, in dem er eine für dieses Alter unheimliche Frische mit reifen Akzenten verbindet, fruchtmässig etwas Apfel, deutliche Altholznoten, enorme Würze, etwas salin, nussig, Hauch Bohnerwachs, Waldpilze, ein winziger Hauch Petrol und Honig, extrem komplex, am Gaumen dann kompromisslos trocken, saftige Säure, Alkohol (12,5 Vol%) spielt überhaupt keine Rolle, etwas reifer Apfel, Hauch Grapefruit, die Hauptrolle übernimmt die Würze, Altholz, Hauch Gerbstoff, hefig-salzig, deutlich Umani-Charakter, reif und frisch zugleich, sehr lang am Gaumen. Grandioser Wein für alle Liebhaber dieser Stilistik.

Zum Abschluß der Weißwein-Serie noch ein restsüsses Finale, auch in Andenken an den genialen und leider kürzlich verstorbenen Hans-Günter Schwarz, der eine ganze Winzer-Generation mit seinem Können und Wissen befruchtet hat:

1998er Mußbacher Eselshaut Riesling Eiswein (Müller-Catoir, Haardt) -Pfalz-
farblich schon etwas cognacfarben, klassische Rieslingnase mit reifem Pfirsich, Ananas, feinsten Honignoten, etwas Piment, komplex schon in der Nase, am Gaumen perfekt eingebundene, überhaupt nicht marmeladige Süsse, stringente Säure, die den Zucker perfekt austariert, sehr dicht, leicht im Alkohol (9,5 Vol%), massives, aber nicht aufdringliches Frucht-Potpourri, Pfirsich, tropische Früchte, Agrumen, eine echte Delikatesse mit langem, fruchtig-würzigen Nachklang. Leider waren das meine letzten beiden, halben Flaschen. Der Wein hat auf jeden Fall das Potential für jahrzehntelange Lagerung. Ein absolut großartiger Süsswein.

Danach mussten wir uns alle erst einmal mit Schinken, Käse und ein paar Leckereien stärken, um den folgenden 11 Rotweinen auch gewachsen zu sein ;)

Fortsetzung folgt voraussichtlich morgen !

LG
Bodo
weinaffe
Beiträge: 1358
Registriert: Mo 6. Dez 2010, 13:19
Bewertungssystem: Auf Benutzername klicken

Re: 3. "Kultweinprobe" in Würzburg

Beitrag von weinaffe »

... und weiter geht es mit den roten "Kultweinen":

2011er Ruster Ried Marienthal Blaufränkisch QW tr. (Ernst Triebaumer, Rust) -Burgenland-

Nach wie vor ist der Marienthal Blaufränker einer der absoluten Kult-Rotweine Österreichs, der mit dem Jahrgang 1986 einen ersten Meilenstein für hochwertigen österreichischen Rotwein gesetzt hat. Der 2011er aus diesem herausragendem Rotwein-Jahrgang im Burgenland unterstreicht das deutlich: der Wein ist tatsächlich noch blutjung und benötigt viel Luft, um die Reserviertheit abzulegen, dann öffnet er sich mit dunkler Frucht, Weichsel, Cassis, Craneberries, Aronia, reife Schlehe, Hauch Lakritze und etwas Veilchen, ganz dezente Holzuntermalung, sehr dicht, am Gaumen absolut trocken, viel Extrakt, der für einen Süsseeindruck sorgt, strukturiende Säure, noch einiges angenehm "rustikales" Tannin, kraftvoller, aber nicht marmeladiger Typ, die 14 Umdrehungen sind gut verpackt, auch hier noch sehr jugendlicher Eindruck, dunkles Frucht-Potpourri (Sauerkirsche, Cassis, Schlehe), nur hintergründiges Holz, Lakritze, dezent floral, langer Nachhall. Meist wird empfohlen, auch hochwertige Blaufränker innerhalb von 10 Jahren ab Jahrgang zu trinken. Der Marienthal aus sehr gutem Jahrgang benötigt aber mindestens 15 Jahre, um seine Klasse zu zeigen, wobei der 2011 auch das Potential für 20 oder sogar 30 Jahre haben könnte. Wer von diesem Klasse-Wein noch etwas im Keller hat, sollte ihn einige Stunden vor Genuss dekantieren oder sich besser noch mindestens 5 Jahre gedulden. Die Nachprobe zeigte, dass er undekantiert erst am 3. Tag nach der Probe richtig aufblühte. Großes Blaufränkisch-Kino und im internationalen Kontext ein Preis-Leistungs-Kultwein ;)

2006er Volnay "Clos des Ducs" 1er Cru Monopole (Marquis de Angerville, Volnay) -Burgund-

Der Clos des Ducs ist einer der Stars der Cote de Beaune und dürfte ein "Aufstiegskandidat" zum Grand Cru sein, falls es zu einer Revision der Lagen-Klassifikation kommen sollte. Leider hat bei diesem Wein der "Korkteufel" zugeschlagen :( , so dass die dichte Frucht und Komplexität dieses Weines nur zu erahnen war. Somit ein Fall für den Ausguss :x

2017er Hermitage a. c. "La Chapelle" (Paul Jaboulet Aine, Tain-L`Hermitage) -Rhone-

Unbestritten einer der Syrah-Ikonen nicht nur in Frankreich.Die Klasse zeigt sich auch bei diesem noch sehr jugendlichen Vertreter aus sehr gutem Jahr: sehr kräftiges Rubinrot, nahezu blickdicht, blüht mit Luft gut auf, reife dunkle Frucht, vor allem Herzkirsche, Cassis, reife Brombeere, vermischt mit würzigen Aspekten (schwarzer Pfeffer, etwas Wildbret), aromatische Tiefe, dezenter Holzeinsatz, floral mit einem Hauch Süssholz (Lakritze), am Gaumen trocken mit deutlicher Extraktsüsse, saftige Säure, körperreicher Wein (14,5 Vol%), der den Alkohol dezent spüren lässt, ultrafeines Tannin, das für eine feste Struktur sorgt, tiefe Dunkelfrucht (Kirsche, Cassis), würziger Background (heller Tabak, Veilchen und wiederum Lakritze), langer, ebenmässiger Abgang. Bei diesem Wein wurden sicherlich alle Qualitätsregister gezogen, ein sehr hochwertiger Syrah mit "Weltwein-Charakter", bei dem die Herkunft nicht leicht zu entschlüsseln ist. Hätte der Wein noch einen Hauch Eukalyptus-Ätherik, wäre er in einer Blindprobe wahrscheinlich als australischer Top-Shiraz eingestuft worden. Der Wein ist aber sehr hochwertig und sollte vielleicht noch 5-10 Jahre weiterreifen, obgleich er jetzt schon sehr schön zu trinken ist.

2014er "Hommage" Syrah Hawkes Bay (Trinity Hill, Hastings) -Neuseeland-

Als Gegenpol zum französischen Kult-Syrah bot sich jetzt sein neuseeländisches Pendant an. Der "Hommage" wird nur in sehr guten Jahren produziert und gilt als herausfordernde Antwort für die Top-Syrahs der nördlichen Rhone. Das Klonenmaterial stammt auch von dort und er wird ganz ähnlich produziert.
Einen Tick heller in der Optik, die Nase ganz ähnlich wie der Hermitage, wirkt etwas gereifter, aber in Bestform,reife Kirsche, Preiselbeere, Brombeere, zarter, nur unterstützender Holzeinsatz, etwas Tabak, auch hier wieder leicht floral und die typische Lakritze, am Gaumen trocken, sehr saftige Säure, eingebundenes, sehr feinkörniges Tannin, hat Saft und Kraft, ist aber nicht so alkoholisch wie der Vorgänger (13,5 Vol%), auch hier wieder die syrah-typische Dunkelfrucht, tabakige Würze, Veilchen, ausgezeichnete Länge. Der Wein hat keinerlei Aussie-Ätherik und würde in einer Blindprobe glatt als Rhone-Syrah durchgehen. Dieser hochwertige Wein ist jetzt im besten Trinkalter, wobei er in der Nachprobe gezeigt hat, dass er auch nach 2 Tagen nach der eigentlichen Probe unverändert "wie eine Eins" dasteht.

2009er Gevrey-Chambertin "Petite Chapelle" 1er Cru (Dugat-Py, Gevrey) -Burgund-

Auch dieser leider mittlerweile sehr teure Vertreter aus einem Kult-Betrieb konnte voll überzeugen:
sehr jugendliche Optik, mittelkräftiges Rubin, nasal erst ein Hauch Reduktion, die mit Lufteinfluss schnell verschwand, sehr einladende, ebenfalls noch jugendlich wirkende Nase, reife Kirsche, zarte Himbeere, etwas Holz, Hauch Unterholz und Pilze, wirkt schon in der Nase kraftvoll und strukturiert, am Gaumen trocken, saftige Säure, durchaus noch kraftvolles, wenn auch fein granuliertes Tannin, reife jugendliche Dunkelfrucht,aber auch reife Würze (Tabak, Waldpilze, etwas rohes Fleisch), komplexer Auftritt, typischer Gevrey mit Struktur und Kraft, der aber auch einige Feinheiten bietet.
Sehr hochwertige, typische Interpretation des Terroirs, der durchaus auch in 5-10 Jahren noch glänzen wird.

1990er Barolo Bricco Bussia "Vigna Colonnello" (Aldo Conterno, Monforte)

Leider hat dieser normalerweise sehr reifefähige Premium-Barolo trotz perfektem Kork und guter Füllhöhe die 35-jährige Reifezeit nich gut überstanden. Deutlich Liebstöckel, für mich schon zu oxidativ und nur eingeschränkt genussfähig. Die meisten am Tisch wollten diesen Wein nach dem Hineinriechen ins Glas auch nicht trinken, auch wenn 1 oder 2 altweinaffine Teilnehmer mit diesem Wein noch etwas anfangen konnten.
Sehr schade, wieder ein Fall für den Ausguss.. :(

Die noch fehlenden 5 Rotweine folgen in Kürze !

LG
Bodo
weinaffe
Beiträge: 1358
Registriert: Mo 6. Dez 2010, 13:19
Bewertungssystem: Auf Benutzername klicken

Re: 3. "Kultweinprobe" in Würzburg

Beitrag von weinaffe »

.... und weiter geht es mit den restlichen 5 Rotweinen:

Als nächstes hatten wir einen "Kultwein" im Glas, der gar kein "Kultwein" werden konnte, da er in dieser Art meines Wissens nach nur ein einziges Mal in einer Auflage von 1.000 handsignierten Magnum-Flaschen produziert wurde:

---- "Decennale" Vino da Tavola Toscana -Magnumflasche- (Capannelle, Gaiole) -Toskana-
100 % Sangiovese, Cuvee aus den Jahrgängen 1975, 1976, 1977, 1978, 1979, 1980, 1982, 1985, abgefüllt in 1988, limitiert auf 1.000 Magnum-Flaschen, hier Flaschen-Nr. 347, handsigniert vom damaligen Eigentümer Raffaele Rossetti.

Um es vorwegzunehmen: der Wein ist der absolute Hammer!! Dieser Sangiovese ist mit Abstand das Beste, was ich jemals aus dieser Rebsorte probieren konnte. Sangiovese gilt im allgemeinen nicht als die Rebsorte mit einem übermäßig großen Reifepotential. Mit diesem Sortenvertreter kann man glatt das Gegenteil behaupten, wobei hier sicherlich die Flaschengrösse und sehr gute Lagerbedingungen mit eine Rolle spielen.
Farblich ein lebendiges Rubin mit noch dunklem Kern ohne jegliche Brauntöne, die Nase ist einfach nur zum Reinknien :lol: , superelegante, reintönige Herzkirsche, unterlegt mit ätherisch kräutrigen Nuancen (Oregano, Basilikum, Hauch Rosmarin), aber trotzdem in keiner Weise plakativ, nur ein Hauch Holz, sehr komplex und tiefgründig, am Gaumen durchgegoren, aber mit viel Extrakt, der für eine feine Sucrosite sorgt, saftige, strukturierende Säure, für Sangiovese-Verhältnisse ;) relativ feinkörniges Tannin, sehr dichte und intensiv feine Frucht, wiederum saftige Kirsche, Hauch Himbeere und Cassis, dazu die belebende Kräuteresssenz, Tabak, Leder, Hauch Marzipan, sehr intensiv, komplex und trotzdem nicht anstrengend, ein Maulvoll Wein, wobei die Kraft und Intensität ausschließlich über den sehr hohen Extrakt und nicht über den Alkohol (12,5 Vol%) kommt, der Abgang ist sehr lang und bleibt retronasal einige Minuten haften. Der Wein bewegt sich zwischen Urgewalt und doch einer gewissen Eleganz und Feinheit. Zum Charakter dieses Weines gehört ähnlich wie beim traditionellen Barolo auch das sympathisch ungeschliffene Tannin, ansonsten läge die Vermutung nahe, dass wie bei vielen Super-Tuscans mit Merlot abgeglättet wurde. Kurzum: das ist ein Weltklasse-Sangiovese, der alles Potential aus dieser Rebsorte herauskitzelt, ohne sie gänzlich zu kastrieren ;) Ich bin absolut begeistert. Auch am 3. Tag nach dem Öffnen war der Wein völlig unverändert und absolut stabil. Chapeau!!

Nach einem Höhepunkt nun leider der 3. Tiefschlag in der Probe bei einem potentiellen Weltklasse-Wein:

1997er Barolo "Monprivato" DOC (Giuseppe Mascarello, Monchiero) -Piemont-

Leider in der Nase schon ein "Mörderkork", der diesen Wein völlig ungeniessbar machte :x Sch.... Kork. Es lebe der Schrauber!!
Potentiell ist der Monprivato einer der grössten Barolos, der auch gut reifen kann und über alle Jahrgänge hinweg liefert. In diesem Jahr hatte ich das Privileg, den 1989er Monprivato zu verkosten, einen ganz großen 100 Punkte-Wein. Schade, schade, schade.....

Aber die kleine "Pechsträhne" war jetzt vorbei und die letzten 3 Weine konnten absolut begeistern:

2008er Mazoyeres-Chambertin Grand Cru Vieilles Vignes (Perrot-Minot, Morey-St.-Denis) -Burgund-

2008 war im Burgund kein einfaches Jahr und viele Weine blieben hinter den üblichen Erwartungen zurück. Bei diesem Wein wurde mit aller Macht und Erfolg dank strengster Traubenselektion dagegengearbeitet. Dieser Gevrey Grand Cru legt gegenüber dem Gevrey 1er Cru von Dugat-Py noch eine Schippe darauf: burgundertypisches, leicht durchscheinendes Kirschrot, sehr elegante und klare Nase nach reifer Sauerkirsche, Brombeere, Himbeere, ein Hauch Veilchen, ganz zarte Holznote, Hauch Piment, wirkt schon in der Nase tiefgründig und komplex, am Gaumen knalltrocken, strukturierende Säure, kraftvolles, aber sehr feinkörniges Tannin für eine straffe Struktur, noch sehr jugendlich wirkend, mittelgewichtig (13 Vol%), reintönige Dunkelfrucht, angenehme Würze, leicht floral, langer ebenmäßiger Abgang. Das ist sehr hochwertiger Gevrey im typisch kraftvollen, aber doch eleganten Stil, der absolut typisch für das dortige Terroir ist. Trotz des nicht optimalen Jahrgangs hat dieser Wein durchaus noch Potential für mindestens 5-10 Jahre. Auch am 2. Tag nach der Probe unverändert stabil.

Zum Abschluss gab es noch 2x Bordeaux der absoluten Top-Klasse:

1995er Chateau Margaux 1er Grand Cru Classe (Chateau Margaux) -Bordeaux-

Dieser 30 Jahre alte Bordeaux ist eine absolute Schönheit und jetzt ziemlich am Zenit angelangt, wobei er dieses Niveau bei sehr guter Lagerung vielleicht noch Jahrzehnte halten kann. Doch der Reihe nach: Optisch ein leicht aufgehelltes Rubinrot, die Nase ist Verführung pur und beinhaltet alles, was man sich von einem Margaux der Extraklasse nur wünschen kann, superelegant, da sticht kein Element heraus, alles ist perfekt ineinander gefügt, dieser Wein muss nichts beweisen, er braucht keine Lautstärke, fast spinnenwebzartes Potpourri verschiender Beeren und Früchte (Cassis, Himbeere, Kirsche), komplex ergänzt durch würzige Aspekte (feinster Havanna-Tabak, Spur altes Leder, Zedernholz, Graphit) und wirklich nur einen genialen Hauch Bret, ein Sterne-Koch hätte das nicht besser zusammenstellen können ;). Am Gaumen ist der Wein natürlich durchgegoren, aber erhält durch den Extrakt eine imaginäre Süsse, das extrem feinkörnige Tannin ist fast abgeschmolzen, auch hier sorgt der Extrakt und nicht der Alkohol (12,5 Vol%) für Dichte und Stoffigkeit, wobei die Eleganz, Komplexität und Feinheit bei diesem Wein die erste Geige spielt, perfekt zusammengestelltes Fruchtcocktail aus dunklen und etwas helleren Früchten, wiederum vermengt mit floralen und würzigen Aspekten, trotz aller Finesse und Souplesse hat der Wein eine souveräne Länge. Ein grandioser Margaux, der -aus dem Gedächtnis heraus- dem in diesem Jahr probierten 1982er Margaux nur ganz wenig nachstand. Puh, das macht schon mächtig Spass :lol:

Der letzte Wein stand dann zu Recht am Ende dieser Probe, denn es handelte sich um einen großen Bordeaux, der von Parker und einmütig auch vielen anderen Profi-Verkostern glatte 100 Punkte erhalten hat. Der Erwartungshorizont bei einem solchen Wein ist natürlich riesig und der Wein kann in einer Blindprobe eigentlich nur verlieren. Darüberhinaus entscheidet bei einem 39 Jahre alten Wein dann doch allein die Flaschenverfassung zwischen "Himmel" und "Hölle". Was soll ich sagen: in diesem Falle hatten wir offensichtlich Glück und ich kann tatsächlich das Urteil der Profis, die diesen Wein die Höchstpunktzahl verpasst haben, nachvollziehen.

1986 Chateau Mouton-Rothschild 1er Grand Cru Classe (Chateau Mouton-Rothschild) -Bordeaux-

Das Tschernobyl-Jahr 1986 war für die Bordeaux-Winzer ein verzwicktes Jahr, bei dem erst mit sehr später Lese (hier 2. bis 16. Oktober) die erforderliche Reife erreicht wurde. Somit ein perfektes Jahr für den spätreifenden Cabernet-Sauvignon, während Cabernet franc und vor allem Merlot nur mit strenger Selektion zu gebrauchen war. Daher sind in diesem Jahr in der Cuvee auch 80 % Cabernet Sauvignon enthalten (Rest 10 % Merlot, 8 % Cabernet franc und 2 % Petit Verdot), die diesen Mouton sehr außergewöhnlich machen.
Schon farblich wirkt der Wein blutjung, dichte, fast schwarz-opake Optik, eine enorm tiefe, fast geheimnisvolle Nase, Cassis, Brombeere, Kirsche, fast untypisch zurückhaltende Holzaromatik ohne jeglichen Mokka-Nuancen, das ist pure Cabernet-Urgewalt, erinnert mich ein wenig an Top-Cabernets aus Kalifornien der 80-er Jahre (z. B. Ridge, Stag leaps), nur mit mehr Finesse und Komplexität, Zeder und Graphit, Hauch schwarzer Pfeffer, unheimlich tief und würzig, am Gaumen natürlich durchgegoren, perfekte Säurestruktur, die diesen "Riesen" zart marmoriert, das vorhandene Tannin ist angenehm mürbe und feinkörnig und fügt dezente Süssholznoten dazu, aufgrund der Tanninmenge und der Feinkörnigkeit kann der Wein unter perfekten Umständen möglicherweise Jahrzehnte weiterreifen und wird im finalen Reifestadium die 100-Punkte-Latte glatt pulverisieren :lol: und als einer der größten Bordeaux des 20. Jahrhundert in die Weingeschichte eingehen, reife, überhaupt nicht plakative Dunkelfrucht, perfekt unterstützt durch würzige Noten, fleischig, pure Konzentration bei nur 12,5 Vol%, und dann dieser minutenlange Abgang !! Am 2. Tag war er noch besser, am 3. Tag war er leider schon ausgetrunken :cry: Ein echtes Cabernet-Statement und ein monumentaler Bordeaux. Jetzt schon absolut überwältigend... nicht auszudenken, wenn er in vielleicht 20 oder 30 Jahren noch etwas mehr Eleganz und Finesse zeigen wird, muss die 100 Punkte-Skala neu kalibriert werden. Das werde ich wahrscheinlich altersbedingt nicht mehr erleben :cry:

Trotzdem war das ein würdiger Abschluss dieser "Kult-Weinprobe", bei dem sicherlich kein Teilnehmer trotz dreier "Tiefschläge" sein Kommen bereuen musste. Vielen Dank daher an alle Mitstreiter, die den Abend erst zu einem gelungenen Abend gemacht haben. Denn eines ist absolut klar: tollen Wein allein trinken ist armselig und macht keinen Spass. Daher wird diese Reihe natürlich fortgesetzt, solange der Keller das hergibt.

Allen Forianer und natürlich deren Angehörige wünsche ich noch ein frohes Fest, bleibts gesund und startet stets mit einem guten Wein ins neue Jahr. Bei uns wird heute auf jeden Fall der 1988er d'Yquem sein Leben aushauchen :lol:

P.S.: Am Tisch wurde natürlich wiederabgefragt, welche 3 Weine (Platz1, 2 und 3) am meisten geschmeckt und beeindruckt haben. Meine 3 Favoriten waren trotz meiner Burgunder-Affinität der Mouton auf Platz 1, gefolgt von Margaux und dem Decennale. Natürlich Äpfel mit Birnen verglichen ... und die restlichen 10 Weine machten die Auswahl wirklich schwer.
Was waren aber die Weine des Abends am Tisch ? Wer wagt einen Tipp?

LG
Bodo
Sauternes
Beiträge: 1364
Registriert: Di 31. Jan 2017, 11:40
Wohnort: zuhause

Re: 3. "Kultweinprobe" in Würzburg

Beitrag von Sauternes »

Vielen Dank Bodo für deine ausführlichen Eindrücke deiner Weinverkostungen, immer wieder ein Genuss deine Texte zu lesen :D .
Da bleibt mir dann nur noch ein besinnliches Weihnachtsfest zu wünschen.

Gruß Heiko
Benutzeravatar
EThC
Beiträge: 10332
Registriert: Fr 27. Feb 2015, 16:17
Wohnort: ...mal hier, mal dort...
Kontaktdaten:

Re: 3. "Kultweinprobe" in Würzburg

Beitrag von EThC »

...ich hatte auch die große Freude, an dieser Runde teilnehmen zu dürfen, nochmals vielen Dank an Bodo für die Einladung und das perfekte Setting und auch für Deine Sicht der Dinge! Ich mußte "zwischen den Jahren" leider einiges arbeiten und konnte daher nicht ganz so schnell sein, jetzt aber auch mein Bericht, der vorliebenbedingt teils etwas anders gefärbt ist. Wen's interessiert, der kann das hier nachlesen, da gibt's auch Buntbilder zu jeder Flasche (und die Auflösung von Bodos Frage nach dem vermuteten Ranking...)! Die einzelnen VKN's werde ich im Laufe der nächsten Tage noch in den spezifischen Fäden einstellen...
Viele Grüße
Erich

Nicht was lebendig, kraftvoll, sich verkündigt, ist das gefährlich Furchtbare. Das ganz Gemeine ist's
DAS EWIG GESTRIGE
was immer war und immer wiederkehrt und morgen gilt, weil's heute hat gegolten.

https://ec1962.wordpress.com/
Benutzeravatar
Udo2009
Beiträge: 795
Registriert: Di 3. Jan 2023, 21:53
Wohnort: Schloß Holte-Stukenbrock

Re: 3. "Kultweinprobe" in Würzburg

Beitrag von Udo2009 »

EThC hat geschrieben: Di 6. Jan 2026, 13:00 ....Wen's interessiert, der kann das hier nachlesen, da gibt's auch Buntbilder zu jeder Flasche (und die Auflösung von Bodos Frage nach dem vermuteten Ranking...)! Die einzelnen VKN's werde ich im Laufe der nächsten Tage noch in den spezifischen Fäden einstellen...
Äußerst interessante Beiträge!

Allerdings einen "Tippfehler" gefunden: "2. Wein: 2009er Riesling – Monzinger Halenberg – trocken – [1. Lage] – GG, Emrich-Schönleber, Nahe"

Ein GG kommt von einer großen Lage nicht von einer 1. Lage -- oder ist damit etwas gemeint, was ich nicht verstanden habe?
Benutzeravatar
EThC
Beiträge: 10332
Registriert: Fr 27. Feb 2015, 16:17
Wohnort: ...mal hier, mal dort...
Kontaktdaten:

Re: 3. "Kultweinprobe" in Würzburg

Beitrag von EThC »

...vor 2012 gab's keine "Großen Lagen", aber Große Gewächse aus 1. Lagen...
Viele Grüße
Erich

Nicht was lebendig, kraftvoll, sich verkündigt, ist das gefährlich Furchtbare. Das ganz Gemeine ist's
DAS EWIG GESTRIGE
was immer war und immer wiederkehrt und morgen gilt, weil's heute hat gegolten.

https://ec1962.wordpress.com/
Benutzeravatar
Udo2009
Beiträge: 795
Registriert: Di 3. Jan 2023, 21:53
Wohnort: Schloß Holte-Stukenbrock

Re: 3. "Kultweinprobe" in Würzburg

Beitrag von Udo2009 »

Ooops, wieder was gelernt....
Antworten

Zurück zu „Weinproben und Verkostungsberichte“