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Erwartete Mindestlebensdauer

Was Sie schon immer über Wein wissen wollten, aber nie zu fragen wagten
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amateur des vins

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Re: Erwartete Mindestlebensdauer

BeitragDi 12. Okt 2021, 13:46

Weinschlürfer hat geschrieben:
amateur des vins hat geschrieben:Was, wenn der Wein kurz nach der Abfüllung, sagen wir: 1-2 Jahre, am besten und (dennoch) von herausragender Qualität wäre?
Dann würde ich wahrscheinlich nur 1 Flasche kaufen. Niemals 6 Stück.
Denn mich langweilt zu häufiges Trinken des Gleichen.

Daher habe ich auch extrem viele Einzelflaschen im Keller.
Ok. Nur...
Weinschlürfer hat geschrieben:Eine tolle Kirsche, Kastanien ... kann ich jedes Jahr zur Saison neu Kaufen. Ein Auto auch. Tolle Möbel auch.
Einen raren Oltimer schon eher nicht mehr. Den Lieblingswein aus dem besten Jahr ever auch nicht.
Vielleicht kann ich den auch bald nicht mehr bezahlbar bekommen.
Wie weißt Du von einer Einzelflasche, die noch lagert, daß sie (D)ein Lieblingswein ist? :? Oder meinst Du jahrgangsübergreifend, in der Annahme, daß jeder Jahrgang ein Liebling sein wird? Aber warum dann an einem bestimmten Jahrgang hängen?

Ich kann das meiste nachvollziehen; geht mir teilweise genauso: Ich möchte bestimmte Weine nicht verpassen. Bloß kann dieses Gefühl ja eigentlich nur entstehen, wenn ich den Wein bereits kenne, mithin also ein gewisses Gefühl für die Haltbarkeit haben müßte. Eine Erwartung an einen unbekannten Wein brauche ich deswegen nicht zu haben. Oder natürlich, wenn ich ohne Kenntnis der Sache diese aufgrund äußerer Kriterien glaube haben zu müssen.

Wenn die Objekte der Sammelbegierde eine Zahl annehmen, bei der es schwierig wird, sie vor dem qualitativen Abbau zu trinken, wäre mein Schluß daraus eher, daß ich viel zuviel davon im Keller habe - nicht, daß es ein Mangel der Weine ist, die abbauen, bevor sie drankommen.
Besten Gruß, Karsten
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olifant

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Re: Erwartete Mindestlebensdauer

BeitragDi 12. Okt 2021, 13:50

amateur des vins hat geschrieben:Olifant war im Etna-Thread weniger begeistert von einem 2014er Passobianco. In meiner Erwiderung schrieb auch ich zunächst, es sei "ernüchternd", wenn der Wein in diesem Alter bereits über den Zenit wäre; ich hatte ähnliche Erfahrungen gemacht.


Im Eigentlichen finde ich es nicht verwerflich, dass Wein unterschiedliche Genussfenster / Reifezyklen besitzt. Grundsätzlich habe ich auch kein Problem damit, einen Wein von dem ich weiß, dass er jung am besten rüberkommt auch jung zu trinken.
Ärgerlich ist es dann aber, wenn auf einer veröffentlichten Wertung der Homepage des Weinguts ein Trinkfenster prognostiziert wird, dass offenbar nicht zu diesem Wein oder dem entsprechenden Jahrgang des Weins passt.
Monica Larner hat geschrieben:This white should evolve nicely over the next five years or more. (Drink: 2017 – 2024)

Sicher konnte man den Wein jetzt, 2021, noch trinken - Genuss ist aber für mich doch etwas anderes, als ein steil im Sinkflug begriffenes Geschmackserlebnis. Natürlich ist die Verkosterin auch nicht haftbar zu machen.
Allerdings darf man sich bei einem Chardonnay dieser Preisklasse, 20-25€, auch im Internationalen (Wein-)Verständnis durchaus erwarten, dass er nicht derart schnell abbaut - hier bereits in der Mitte des prognostizierten Genussfensters.
Wenn hingegen kommuniziert wird, "trinkt den Wein innerhalb 3 Jahren nach Release", dann würde ich evtl. gar nicht auf den Gedanken kommen ein Wort darüber zu verlieren - Preisklasse hin- oder her.

ImA kommt's dann eben auf den Einzelfall an ...
Grüsse

Ralf
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amateur des vins

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Re: Erwartete Mindestlebensdauer

BeitragDi 12. Okt 2021, 14:01

olifant hat geschrieben:Ärgerlich ist es dann aber, wenn auf einer veröffentlichten Wertung der Homepage des Weinguts ein Trinkfenster prognostiziert wird, dass offenbar nicht zu diesem Wein oder dem entsprechenden Jahrgang des Weins passt.
Monica Larner hat geschrieben:This white should evolve nicely over the next five years or more. (Drink: 2017 – 2024)
Ok, war mir nicht bewußt, daß das Weingut kommentarlos diese eine Kritik wiedergibt.
olifant hat geschrieben:Allerdings darf man sich bei einem Chardonnay dieser Preisklasse, 20-25€, auch im Internationalen (Wein-)Verständnis durchaus erwarten, dass er nicht derart schnell abbaut
Natürlich darf man diese Erwartung haben. Aber wodurch ist sie gerechtfertigt? Was ist dieses "Internationale Weinverständnis", und wieso leiten sich daraus derlei Annahmen ab?
Besten Gruß, Karsten
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olifant

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Re: Erwartete Mindestlebensdauer

BeitragDi 12. Okt 2021, 14:25

amateur des vins hat geschrieben:
olifant hat geschrieben:Allerdings darf man sich bei einem Chardonnay dieser Preisklasse, 20-25€, auch im Internationalen (Wein-)Verständnis durchaus erwarten, dass er nicht derart schnell abbaut
Natürlich darf man diese Erwartung haben. Aber wodurch ist sie gerechtfertigt? Was ist dieses "Internationale Weinverständnis", und wieso leiten sich daraus derlei Annahmen ab?


... es ist Chardonnay?
... eine Sorte, die bei entsprechender Behandlung in Weinberg und Keller durchaus und i.d.R. lager-/reifefähige Weine hervorbringt?
... eine Sorte, deren Qualitäten in den meisten Betrieben hinsichtlich Qualität und damit verbundenem Anspruch, (des Winzers, wie des Kunden), auch hinsichtlich Lager / Reife, zumeist von einem direkten Verhältnis bezüglich der Herstellungs-(Winzer) / Erwerbskosten (Kunde) und dem zu erwartenden Genuss auszugehen ist?

Meint am Beispiel Chardonnay:
Basisweine bis 10€ ./. Genussfenster ca. 3-4 Jahre; Mittelbau 11 - 25€ ./. Genussfenster ca. 5-10 Jahre; Premium > 26€ Genussfenster 8+ Jahre ... usw.
(... auch wenn das jetzt natürlich eine subjektive und willkürliche Klassifizierung ist, es soll nur als Beispiel dienen)

Ich meine, als Kunde darf man eine derartige Klassifizierung durchaus voraussetzen, mit entsprechenden Abweichungen und Spezifikationen, je nach Region.

Anders würde ich es sehen, wenn bspw. für einen konkreten Wein dezidiert abweichende Angaben kommuniziert werden.
Grüsse

Ralf
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Weinschlürfer

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Re: Erwartete Mindestlebensdauer

BeitragDi 12. Okt 2021, 15:21

amateur des vins hat geschrieben:
Weinschlürfer hat geschrieben:
amateur des vins hat geschrieben:Was, wenn der Wein kurz nach der Abfüllung, sagen wir: 1-2 Jahre, am besten und (dennoch) von herausragender Qualität wäre?
Dann würde ich wahrscheinlich nur 1 Flasche kaufen. Niemals 6 Stück.
Denn mich langweilt zu häufiges Trinken des Gleichen.

Daher habe ich auch extrem viele Einzelflaschen im Keller.
Ok. Nur...
Weinschlürfer hat geschrieben:Eine tolle Kirsche, Kastanien ... kann ich jedes Jahr zur Saison neu Kaufen. Ein Auto auch. Tolle Möbel auch.
Einen raren Oltimer schon eher nicht mehr. Den Lieblingswein aus dem besten Jahr ever auch nicht.
Vielleicht kann ich den auch bald nicht mehr bezahlbar bekommen.
Wie weißt Du von einer Einzelflasche, die noch lagert, daß sie (D)ein Lieblingswein ist? :? Oder meinst Du jahrgangsübergreifend, in der Annahme, daß jeder Jahrgang ein Liebling sein wird? Aber warum dann an einem bestimmten Jahrgang hängen?


Du bist hier jetzt vielleicht ewas spitzfindig :) Es hat doch nicht jeder nur eine einzige Motivation?
Das wäre doch trivial. Du möchtest es genau wissen :)

Das war nur ein Beispiel der viele zum Einlagern von Wein motiviert. Der Erhalt von "Einzigartigkeit" für später. Ich bin zB. wahnsinnig froh noch 17 Flaschen le Reysse 2010 zu haben weil er genial ist. Erst letztens wieder probiert. Hier ist es gut zu wissen, dass er noch lange in guter Form bleiben wird. Ich lagere keinen Wein in höherer Stückzahl ein, den ich nicht probierte. Ich hab glücklicherweise so einige Möglichkeiten viele Weine zu probieren.

Dann gibt es noch andere Fälle, die sind dann pure Spekulation.
Da kaufe ich was sich wohl gut preislich entwickeln wird.

Wenn ich zu viel habe oder Weine zu alt werden verkaufe ich auch etwas.
Ich tracke mein Keller ziemlich genau und fahre entsprechende Auswertungen.

Das genannte obige :

Das muss NICHT auf JEDEN meiner Zwecke passen. Viele Weine habe ich um sie einfach mal zu probieren in selbstorganisierten Tastings (so ca 800 Einzelflaschen in meinem Fall). Die muss ich aber auch alle nicht allein trinken. Den Rest lagere ich bewusst in höherer Stückzahl ein. Würde das aber nicht tun, wenn ich nicht wüsste sie halten sich nicht.
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thvins

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Re: Erwartete Mindestlebensdauer

BeitragSo 14. Nov 2021, 14:42

Bei den Weinen, die ich aus den bereits genannten Gründen zurück lege, um sie öfter wieder trinken zu können kommt neben der Faszination des Genusses aber noch etwas hinzu...

Wein ist nun mal ein Genussmittel, welches mit uns Genießern kommunizieren kann, der Wein auf hohem Genusslevel will und kann uns seine Geschichten mitteilen. Das ist wie bei jeder Form hohem Kunstgenusses, der Trinker ist der Zuhörer, der Wein der Akteur.

Als Konsument kann ich mich vorab schlau machen und kann entsprechend der erwarteten Trinkfenster kaufen. Lagern vor allem auch, weil er später nicht mehr zu haben wäre (endliches Gut) oder über die Maßen teuer wird (rares Gut).

Dann kommt aber außerhalb von blinden Proben noch ein weiterer psychologischer Aspekt dazu. Die Faszination, die vom Etikett ausgeht paart sich mit der Faszination, die vom unmittelbaren Genuss ausgeht.

Das Etikett erinnert uns an den Winzer, an den Moment der Begegnung, an die Landschaft, an die früheren schönen Tage, die wir dort verbracht haben, es tauchen in der Erinnerung Episoden wieder auf, wir reisen gedanklich an den Ort, den wir mit diesem Wein verbinden...

Und selbst, wenn wir ihn irgendwo gekauft haben, keinen Bezug zum Winzer oder der Gegend haben, so kann allein von der Jahreszahl auf dem Etikett eine Faszination ausgehen und wir erinnern uns an Schönes aus diesem Jahr... ob das bewusst oder unbewusst passiert, aber es passiert. Und es passiert eben nicht mit anderen Dingen, vielleicht auch, weil es eben fast nur bei Wein diese Erinnerungsverknüpfungen, gepaart mit realem Genuss gibt. Um solche Dinge bewusst nutzbar zu machen, kauft man natürlich dann die Weine seiner Lieblingsregionen, die die entsprechende Mindestlebensdauer haben und eben nicht etwas, wo man von vornherein um die Vergänglichkeit weiß.

Gerade in so unsicheren Zeiten wie der heutigen, in der nichts mehr planbar ist, in der es scheinbar kaum Hoffnung gibt, ist es toll, sich in Erinnerungen an bessere Zeiten flüchten zu können - auch, um die schweren gegenwärtigen Zeiten zu überstehen. Wein mit einer Jahreszahl auf dem Etikett hilft dabei einfach, ebenso wie wenn man seine Lieblingsmusik aus einem früheren Jahr wieder hervor kramt.
Beste Grüße

Torsten

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