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Autochthone Rebsorten in Würzburg

Berichte von Verkostungen mit Weinen aus mehreren Ländern/Regionen (sonst bitte im Länderforum einstellen)
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weinaffe

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Autochthone Rebsorten in Würzburg

BeitragSo 20. Nov 2022, 15:40

Hallo zusammen,

vor einer guten Woche trafen sich in der örtlichen VHS wieder einige Weininteressierte, die den krankheitsbedingt verschobenen Termin zum Thema "autochthone Rebsorten" jetzt wahrnehmen wollten.
Nach klassischer Definition sind autochthone Rebsorten solche Sortenvertreter, die in einem bestimmten Gebiet durch Zufallskreuzung entstanden sind und idealerweise heute möglichst nur dort angebaut werden. In einer globalisierten Weinwelt ist ein solcher Weintyp aber nur höchst selten anzutreffen. Ausserdem ist auch mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden heute nicht immer der genaue Ursprungsort einer Rebsorte zu lokalisieren. Aus diesem Grunde habe ich die ursprüngliche Definition doch ein ganzes Stück aufgeweicht :lol: Wesentlich war für mich, dass eine Rebsorte in einer bestimmten Region fest verankert ist und idealerweise seit Jahrhunderten die oder zumindest eine der führenden Rebsorten darstellt, auch wenn sie möglicherweise dort nicht entstanden ist. Aus diesem Grunde werden hier auch Rebsorten präsentiert, die wohl nicht in dem Gebiet entstanden sind, aber hier seit langer Zeit heimisch sind und in dem Ursprungsgebiet fast nicht mehr existent sind. In 2 Fällen wurden Rebsorten ausgewählt, die wohl in dem jeweiligen Gebiet entstanden sind und weiterhin dort führend sind, aber in 2 anderen Ländern quasi eine zweite Heimat gefunden haben und dort zu den führenden Rebsorten zählen.
Eines war aber klar: es wird ein Abend werden, wo Cabernet, Merlot, Syrah, Pinot noir, Chardonnay, Riesling und der eine oder andere "Global-Player" durch Abwesenheit glänzen :lol:

Insgesamt wurden 15 Weine (7x weiss, 8x rot) präsentiert, was zu einem bunten Mix aus durchaus bekannten und ziemlich unbekannten Rebsorten führte.

Langer Vorrede, kurzer Sinn, hier sind die 15 Weine, die wie immer "blind" verkostet wurden, mit kurzen Kommentaren meinerseits:

2021er Sulzfelder Roter Silvaner QW trocken (Zehnthof Luckert, Sulzfeld)
Silvaner mit seinen insgesamt 4 Spielarten (grün, gelb, blau und rot) ist seit 1665 in Franken urkundlich nachweisbar, auch wenn seine ursprüngliche Entstehungsheimat wohl im Donauraum (Österreich/Ungarn) liegt, dort aber praktisch von der Bildfläche verschwunden ist.
hier nun die wohl seltenste Spielart des Silvaners, die meines Wissens nur von den Luckerts reinsortig ausgebaut wird:
helles Gelbgold, sehr einladende, ultraklare und feine Nase nach Reineclauden, etwas Mirabelle und Quitte, zarte Nussaromatik, am Gaumen komplett trocken, saftige Säure, nur mittlerer Körper (12,5 Vol%), aber mit einigem Extrakt, sehr geradlinig und trinkfreudig, der Wein bleibt gut haften und klingt fruchtig-saftig aus. Ein toller Sortenvertreter, der das Potential dieser Rebsorte andeutet, wenn die Reben etwas älter sind. Sollte jeder einmal probiert haben, fairer Preis (im Handel ca. 15 EURO).

2020er Gumpoldskirchner Ried Hofbreite Zierfandler QW trocken (Leo Aumann, Tribuswinkel)
hier jetzt ein definitionsgetreues Beispiel einer autochthonen Rebsorte. Der Zierfandler ist wohl im Donauraum entstanden und wird praktisch exklusiv nur noch in der Thermenregion angebaut.
In der Nase eine eher dezente Frucht, reifer Apfel, etwas Birne, sehr klare Stilistik, am Gaumen dezente Restsüsse( ca. 6 Gr.), die aber durch eine lebendige Säure (7 Promill) sehr gut austariert wird, angenehmer Gelbfrucht, deutlich kräftiger als der Vorgänger (13,5 Vol%), Alkohol aber gut eingebunden, angenehmer, nicht zu wuchtiger Sortenvertreter mit mittlerer Länge und angenehmer Frische. Ca. 12 EURO im Handel.

2020er "Arenas de Santyuste" Verdejo Vino de Mesa (Esmeralda Garcia, Segovia)
ein zu 70% in Edelstahl und 30% in der Tonamphore ausgebauter Einzellagenwein (Vallejo) aus einem "Garagenweingut" mit 5ha Rebfläche, uralter Rebbestand (Pflanzungen zwischen 1810 und 1877 !!), der auch heute noch überwiegend im Ertrag ist,unfiltriert und ungeschönt mit wenig SO2 abgefüllt. Da das Weingut ausserhalb der Rueda DO liegt, ist das formell unterste Schublade (Vino de Mesa -Tafelwein). Aber was für eine Untertreibung: ultraspannende Nase, sehr komplex, die Frucht wird in der Nase klar von Würze und Mineralität überlagert, etwas Cassis, Stachelbeere, aber sehr dezent, deutliche Curry-Note, die etwas an das Jura erinnert, grüner Tee, Piment, etwas Pfeffer,komplett saubere Nase, keine Oxidation oder flüchtige Säure, total spannender Wein, der durchaus Elemente des "Naturweines" besitzt, aber auch traditionellen Weintrinkern gefallen dürfte, am Gaumen furztrocken, aber mit moderater Säure, ein Hauch Gerbstoff-Grip, die 13, 5 Volt sind bestens eingebunden, tolle Würze und Mineralität, jetzt merkt man auch etwas die reife Gelbfrucht, die aber alles andere als plakativ auftritt, sehr stimmig und in sich ruhend, langer, ebenmässiger Abgang. Vielleicht nicht ganz der typische Verdejo mit Cassis, Stachelbeere und leichter Exotik, aber ein spannender, hochklassiger Vertreter dieser Rebsorte. Eine echte Überraschung und ein klarer Nachkaufs-Kandidat. Gefiel allgemein sehr gut. Ca. 24 EURO im Fachhandel.

2018er "La Fresnaye" Anjou blanc (Patrick Baudoin, Chaudefonds)
reinsortiger Chenin blanc aus diesem nicht ganz unbekannten 14 ha-Bioweingut. Der Chenin blanc ist wohl ein Kind der Loire, hat aber in Südafrika seine zweite Heimat gefunden und ist dort die führende Weißweinsorte. Somit kein "astreines" Beispiel für das Autochthone. Der Wein macht aber sehr viel Spass:
in der Nase reifer Apfel, deutlich Quitte, etwas Birne, vereint mit eleganter (Altholz-)Würze, sehr klar und sortenaffin, aber ohne jeglichen Honignoten und Nuancen nasser Wolle, die leider oftmals als typisch für diese Rebsorte erachtet werden, kraftvoller Typ, aber sehr ausgewogen, am Gaumen komplett trocken, feinstrahlige Säure, konterkariert durch den Holzeinsatz, der viel Kraft und Würze beisteuert, gut verpackter Alkohol (13,5 Vol%), aber auch die Frucht kommt nicht zu kurz, Quitte, reife Birne,Apfel, sehr stimmiger Chenin blanc, der Fülle mit Frische und Trinkigkeit verbindet. Gutes Preis-Leistungsverhältnis für einen Wein dieser Kathegorie (ca. 21 EURO im Fachhandel).

2018er "Sacabeira" Albarino Rias Beixas DO (Iria Otero Mazoy, Ribaduna)
eine Cuvee aus 3 Weinbergen des Val do Salnes mit Granitböden, 30-50 Jahre alte Reben, reiner Stahltank-Ausbau.
Schon wieder ein weisser "Spanier" aus "Frauenhand", der mich voll überzeugen kann:
auch hier nasal keine Fruchtbombe, etwas Marille, Agrumen, Hauch Birne, deutet aber schon im Duft einige Tiefe an, am Gaumen ohne jeglichen Süsseeindruck, saftige Säure, die ein gute Struktur verleiht, bestens integrierter Alkohol (13 Vol%), feine, elegante Gelbfrucht, die gegen den Abgang immer mehr von einer immens steinigen Mineralität begleitet wird, die den Wein äusserst lange im Abgang hält. Faszinierender Albarino, der sowohl solo als auch als Essensbegleiter viel Spass macht. Klarer Nachkaufskanditat mit für diese Klasse durchaus moderaten Handelspreis (ca.24 EURO).

2019er Nagy-Somloi feher szaraz bor (Tamas Kis, Somloienö)
ein Wein aus dem "Hidden Treasure-Projekt" von Roland Velich (Moric), ein Wein aus Westungarn (Somloer Berg) von dem Quereinsteiger Tamas Kis (übersetzt: Thomas Klein), eine Cuvee aus den beiden ungarischen autochthonen Rebsorten Furmit und Harslevelü (Lindenblättriger) zu gleichen Teilen, ergänzt mit einem Hauch Olasz-Rizling (Welschriesling).
Sehr eigene Nase, deutlich floral, grüner Tee, wirkt sehr stoffig und intensiv, aber sehr ausgewogener und feiner Naseneindruck, am Gaumen knalltrocken, aber mit relativ milder Säure, kräftiger Eindruck trotz nur 12 Vol% laut Etikett,auch am Gaumen dezent floral, Tee, Kardamon, ein Hauch Rhabarber, Hauch Honig, sehr eigenständig mit hohem Wiedererkennungswert, sehr harmonisch, gute Länge. Ca. 21 EURO im Fachhandel. Vor allem der Furmint gerät auch im Burgenland immer mehr in den Fokus und bringt dort auch hochinteressante trockene und edelsüsse Weine.

Zum Abschluss der Weißweinrunde noch einen eigenen Vinifikationstyp aus einer äusserst seltenen, autochthonen Rebsorte:

---- Terrantez 20 years medium dry (Henriques & Henriques, Camara de Lobos)
ein aufgespriteter, mindestens 20 Jahre im Canteiro-Verfahren gereifter Madeira aus der seltenen Rebsorte Terrantez, die nur noch auf wenigen Hektar angebaut wird.
Was für eine komplexe Nase: eine Mixtur aus 1000 und 1 Nacht, Dörrpflaumen, Rosinen, Kardamon, etwas Ingwer, Kandis, Karamell, sehr komplex und dicht, ohne überladen zu sein, man könnte hier stundenlang schnüffeln, ein echter Meditationswein, am Gaumen angenehme Restsüsse, die aufgrund der kräftigen Säure nicht auf die tatsächlich vorhandenen 75 Gramm Restzucker schliessen lässt, kraftvoll und dicht, trotz 20 Vol% nicht alkoholisch oder spritig, unheimlich komplex auch am Gaumen, der Wein muss in kleinen Schlückchen genossen werden, Trockenfrüchte, Rosinen, Kandis, orientalische Gewürze, eine leicht rauchige Note mit zartbitterem Einschlag, dunkle Schokolade, Hauch Zimt, ellenlanger Abgang, der über Minuten anhält. Großartiger und unverwechselbarer Madeira, den ich direkt auf der Insel zu einem noch erträglichen Preis erstehen konnte. Wenn dieser Ausnahmewein im hiesigen Handel angeboten wird, dann wird es häufig dreistellig :( Der Wein ist es aber wert. Schön, dass es noch solche archaischen Weine gibt.

Die 8 Rotweine folgen in Kürze !

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UlliB

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Re: Autochthone Rebsorten in Würzburg

BeitragSo 20. Nov 2022, 17:55

weinaffe hat geschrieben:2021er Sulzfelder Roter Silvaner QW trocken (Zehnthof Luckert, Sulzfeld)
Silvaner mit seinen insgesamt 4 Spielarten (grün, gelb, blau und rot) ist seit 1665 in Franken urkundlich nachweisbar, auch wenn seine ursprüngliche Entstehungsheimat wohl im Donauraum (Österreich/Ungarn) liegt, dort aber praktisch von der Bildfläche verschwunden ist.
hier nun die wohl seltenste Spielart des Silvaners, die meines Wissens nur von den Luckerts reinsortig ausgebaut wird:
helles Gelbgold, sehr einladende, ultraklare und feine Nase nach Reineclauden, etwas Mirabelle und Quitte, zarte Nussaromatik, am Gaumen komplett trocken, saftige Säure, nur mittlerer Körper (12,5 Vol%), aber mit einigem Extrakt, sehr geradlinig und trinkfreudig, der Wein bleibt gut haften und klingt fruchtig-saftig aus. Ein toller Sortenvertreter, der das Potential dieser Rebsorte andeutet, wenn die Reben etwas älter sind. Sollte jeder einmal probiert haben, fairer Preis (im Handel ca. 15 EURO).

Ich hatte den Roten Silvaner im Sommer 2016 bei den Luckerts kennengelernt; 2015 war der Jungfernjahrgang. Auf Nachfrage sagte man mir, dass man das Rebmaterial aus dem Elsass bekommen hatte, ich habe dann nicht nachgefragt, von wo genau und von wem. Aber fränkisch-autochthon ist's in diesem Fall ganz klar nicht.

Was das nun eigentlich tatsächlich ist, ist auch noch eine Frage. Ich bin bei solch seltenen Exoten immer etwas skeptisch, und mehr als einmal hat in solchen Fällen eine DNA-Analyse nachgewiesen, dass die vermeintliche Rebsorte etwas ganz anderes war. Hellrote Weißweinsorten gibt es ja eine ganze Menge, und ich fand damals die Aromatik absolut nicht Silvaner-ähnlich.

Gruß
Ulli
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weinaffe

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Re: Autochthone Rebsorten in Würzburg

BeitragSo 20. Nov 2022, 19:49

UlliB hat geschrieben:Ich hatte den Roten Silvaner im Sommer 2016 bei den Luckerts kennengelernt; 2015 war der Jungfernjahrgang. Auf Nachfrage sagte man mir, dass man das Rebmaterial aus dem Elsass bekommen hatte, ich habe dann nicht nachgefragt, von wo genau und von wem. Aber fränkisch-autochthon ist's in diesem Fall ganz klar nicht.

Was das nun eigentlich tatsächlich ist, ist auch noch eine Frage. Ich bin bei solch seltenen Exoten immer etwas skeptisch, und mehr als einmal hat in solchen Fällen eine DNA-Analyse nachgewiesen, dass die vermeintliche Rebsorte etwas ganz anderes war. Hellrote Weißweinsorten gibt es ja eine ganze Menge, und ich fand damals die Aromatik absolut nicht Silvaner-ähnlich.

Gruß
Ulli


Hallo Ulli,

das Rebmaterial haben die Luckerts tatsächlich aus dem Elsass bezogen. Warum dies der Fall war, kann ich auch nicht sagen. Ich vermute, dass in Franken, wo der rote Silvaner tatsächlich in älteren Weinbergen im Mischsatz mit den anderen Spielarten steht, keine oder zu wenig Edelreiser zur Verfügung standen. Auch wenn das Rebmaterial aus dem Elsass bezogen wurde (dort ist er auch eine absolute Rarität), ist der rote Silvaner seit langem in Franken heimisch und nach meiner etwas modifizierten Definition durchaus eine autochthone Rebe.

LG
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EThC

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Re: Autochthone Rebsorten in Würzburg

BeitragSo 20. Nov 2022, 21:45

VIVC weist Österreich als Ursprung für den Roten Silvaner aus, soll eine natürliche Mutation aus dem Grünen Silvaner sein.

Autochton ist letztlich jede natürlich entstandene Rebsorte, fragt sich nur wo...
Viele Grüße
Erich

Nicht was lebendig, kraftvoll, sich verkündigt, ist das gefährlich Furchtbare. Das ganz Gemeine ist's
DAS EWIG GESTRIGE
was immer war und immer wiederkehrt und morgen gilt, weil's heute hat gegolten.

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weinaffe

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Re: Autochthone Rebsorten in Würzburg

BeitragDo 24. Nov 2022, 13:49

.... und weiter geht es mit den roten "Autochthonen":

2015er Neuenahrer Sonnenberg Frühburgunder QW tr. (Julia Bertram, Dernau)
wieder ein Beispiel für eine Rebsorte, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in Frankreich durch Mutation aus dem Spätburgunder entstanden ist, dort aber höchstens noch als Hausrebe existent ist. Frühburgunder als eine höchst kapriziöse Rebsorte gibt es nur noch in Deutschland und auch nur bei Winzern, die sich diese Rebsorte leisten wollen :lol: Die Qualität eines gelungenen Frühburgunders ist aber unbestritten, wie dieses Exemplar auch beweist:
sehr feine elegante Nase, knapp reife Himbeeren mit Cassis, vermischt mit etwas Unterholzwürze, welkes Laub, aber trotzdem absolut frisch und mundwässernd, am Gaumen komplett trocken, feinziselierte Säure, nicht chaptalisierte 12 Vol%, daher nur mittelgewichtig, zartes Tannin im Hintergrund, elegante Dunkelfrucht (Kirsche ,Himbeere und Cassis), vermischt mit zarter Würze und floralen Tönen (Veilchen), Hauch Lakritze, mittellanger Abgang mit viel Frische und feinfruchtiger Würze. Vielleicht einer der Frühburgunder, der in punkto Eleganz, Frische und Finesse deutliche Parallelen zu Bourgogne-Pinots aufweist. Hat noch Reserven. Sehr eigenständiger Frühburgunder mit angenehm wenig Umdrehungen.

2016er "Les Rougiers" Marcillac AOP (Domaine du Cros, Goutrens)
ein Wein aus der nur insgesamt 220 ha großen Appellation Marcillac im Südwesten Frankreichs, 100 % Rebsorte Mansois, die auch Fer Servadou genannt wird, aus durchschnittlich 70 Jahre alte Reben, 12 Monate Barriqueausbau, Boden ein Gemisch aus Lehm, Kalk und Schiefer.
Der Topwein der Domaine: mittelkräftiges, leicht durchscheinendes Rubinrot, die Nase erinnert mich stark an Cabernet Franc von der Loire, etwas grüne Paprika, Cassis, knapp reife Pflaume mit etwas Craneberry, dezente Holzwürze, wirkt animierend frisch, am Gaumen absolut trocken mit saftiger Säure, die für Struktur sorgt, feinkörniges, nicht zu intensives Tannin, trotz 13,5 Vol% nur mittelgewichtiger Eindruck, knapp reife Dunkelfrucht, feine Holzwürze mit etwas Tabak, sehr stimmiger Wein mit guter aromatischer Länge.
Aufgrund der relativen Unbekanntheit dieser Herkunft werden die Weine zu überaus vernünftigen Preisen angeboten. Knapp 17 EURO im Fachhandel. Sicherlich ein sehr guter Essensbegleiter zu nicht zu wuchtigen Fleischgerichten.

2018er Noussa P.D.O. (Domaine Dalamara, Noussa)
100 % Rebsorte Xinomavro (die "Schwarzsaure") aus 3 Weinbergslagen, 12 Monate Fassausbau, unfiltriert abgefüllt von diesem Bio-Weingut. Obwohl es sich "nur" um den Einstiegs-Noussa von Dalamara handelt, ist die Qualität ausserordentlich gut und zeigt diese hochwertige autochthone Rebsorte im besten Licht:
leicht durchscheinendes Rubinrot, in der Nase die für mich typische Assoziation an getrocknete Tomaten,etwas Craneberry und Heidelbeere, vermischt mit dezent Sauerkirsche, deutlich kräutrig, wirkt frisch und trinkanimierend, am Gaumen folgerichtig diese Mischung aus getrockneten Tomaten, Kirschen, dunklen Beeren und fein herbale Noten, gut strukturiende Säure, noch leicht eckiges Tannin sehr guter Qualität, mittellanger, fruchtig-würziger Abgang. Sehr charakterstarker, sortentypischer Wein, dem man noch ein paar Jahre der Reife geben sollte. Wenn man diese Rebsorte mal sensorisch abgespeichert hat, kann man sie unter vielen anderen Rotweinsorten gut erkennen. Quasi ein "Blue chip" in der Blindprobe :lol: Im Handel knapp 19 EURO.

2017er "Taber" Lagrein Riserva (Kellerei Bozen)
einer der Top-Weine der WG aus der authochtonen Rebsorte Lagrein, 12 Monate französisches Barrique, durchschnittlich 80 Jahre alte Reben aus dem Bozener Stadtteil Gries.
Sehr sattes, blickdichtes Schwarzrot, kräftige Beerenfrucht (Süsskirsche, Brombeere, Heidelbeere mit einem Hauch Schlehe), vermischt mit eleganter Holzwürze, wirkt sehr dicht und kraftvoll, aber ohne jegliche Marmeladigkeit, am Gaumen trocken, aber deutlich extraktsüss, integrierte Säure, sehr feinkörniges, fast samtiges Tannin, kraftvoller Körper (13,5 Vol%),im Mund ein Mix aus reifer Dunkelbeerfrucht, vermischt mit dezent rauchigem Holzeinfluss und ganz dezenter Floralik. Durchaus langer, ebenmässiger Abgang. Ein gekonnt international vinifizierter Typ im Bordeaux-Stil, der manchen fast etwas zu "geglättet" daherkommt. Zweifellos ein hochklassiger Wein, der aber seinen Preis hat (knapp 43 EURO im hiesigen Fachhandel).

Fortsetzung mit den letzten 4 Rotweinen folgt!

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weinaffe

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Re: Autochthone Rebsorten in Würzburg

BeitragDo 24. Nov 2022, 16:54

... und weiter geht es mit den letzten 4 Rotweinen:

2015er "Alta Mora-Feudo di Mezzo " Etna DOC (Cusumano)
100% Nerello Mascalese.
leicht durchscheinendes Rubinrot, kühle Anmutung, dezent herbal, Sauerkirsche, Pflaume, Hauch Himbeere, jugendlicher Eindruck. Am Gaumen absolut trocken, spürbare, aber integrierte Säure, noch durchaus eckiges Tannin, mittelgewichtiger Typ (13,5 Vol%), dunkle Beeren, kräutrig, mit hintergründigem Feuer, Alkohol aber voll integriert, gibt offensichtlich noch nicht alles Preis, unbedingt dekantieren, besser noch ein paar Jahre weglegen. Klassischer Nerello Mascalese von den Hängen des Ätnas.

2017er "Vinha Barrosa" Bairrada DOC (Luis Pato, Anadia)
Monopollage, kalkig-lehmiger Boden, über 100 Jahre alte Reben.
Ein Klassiker vom "Godfather" der Rebsorte Baga, die tatsächlich einige Gemeinsamkeiten mit dem piemonteser Nebbiolo aufweist: leicht durchscheinendes Karminrot, feine Nase nach Craneberries, Sauerkirsche, Pflaume und Brombeere, in keinster Weise plakativ, sanft stützendes (Alt)-Holz, etwas Salbei, durchaus komplex, am Gaumen knalltrocken, saftige Säure, eckiges, aber feinkörniges Tannin, einiges an Kraft, charaktervolle, dezente Rustikalität, genialer Mix aus saftiger Dunkelfrucht und Würze, feine Extraktsüsse, trotz 13,5 Vol% absolut kein fetter Wein, steht noch am Anfang, gute Länge. Ein sehr individueller Wein, der auch mit Sicherheit allen Barolo-Liebhabern gefallen würde. Fairer Preis (ca.28 EURO im Fachhandel).

2016er "Expression" Cahors a.c. (Chateau Lamartine, Soturac)
100% Malbec, stammt aus einer 5ha-Parzelle, die 1943 gepflanzt wurde und den verheerenden Spätfrost von 1956 überlebt hatte, Ertrag 30 hl/ha, 24 Monate neues Barrique.
Eine der grössten Überraschungen des Abends: ultrafeine Nase, geniale Mischung aus dunkler Frucht (Cassis, Maulbeere, Brombeere) und zarter Würze (feinster Havanna-Tabak, edles Leder, etwas Piment), perfekt ausgewogen, sehr elegant und komplex, absolut eines Bordeaux-Crus würdig, am Gaumen komplett durchgegoren, aber mit bezwingender Extraktsüsse, elegante Säure, perfekt reifes, feinkörniges Tannin, tolle Balance, trotz 14 Vol% kein fetter Eindruck, elegante Dunkelfrucht, perfekter Holzeinsatz, sehr lang. Sicherlich ein Wein im internationalen Stil, aber mit solch einer grossen Eleganz und Finesse, die manches Grand Cru Classe aus Bordeaux alt aussehen lässt.
Aufgrund des nicht so großen Bekanntheitsgrad ein total unterbezahlter Wein. Klare Kaufempfehlung für mich (ca. 27 EURO im Fachhandel). Jetzt schon gut zu trinken, wird aber mit Sicherheit eine Alterung von 5-10 Jahren belohnen.

2007er Barolo DOCG "Vigneto Cannubi" (Burlotto, Verduno)
100% Nebbiolo.
Der seit dem Jahrgang 2013 bestehende "Kult" um die Barolos dieses Weingutes betrifft leider auch gereifte Jahrgänge wie diesen etwas heissen Jahrgang, der laut Wine-Searcher einen irrwitzigen, weltweiten Durchschnitts-Handelspreis von 460 EURO (ohne Steuern) erzielt.
Erstaunlicherweise ist der Wein in der Nase sehr ausgewogen, fast frisch und ohne jegliche Alkoholforcierung. Bei der Barolo-Probe im letzten Jahr bei Harti hatten wir denselben Wein, der sich aber aus dem Gedächtnis heraus deutlich alkoholischer präsentierte. Sehr elegante, feine Nase mit reifer Kirsche, eine Spur Himbeere, etwas Walderdbeere, aber auch Brombeere, eine Spur Kräuter, sehr komplex und angenehm gereift. Am Gaumen zwar trocken, aber deutlich extraktsüss, saftige Kirsche, etwas Himbeere, reife Brombeere, zart kräutrig (Wermutkraut), kraftvoll (14,5 Vol%), aber mit bestens verpacktem Alkohol,recht feinkörniges Tannin, aber noch mit vorhandenen Grip, zarte Holzunterstützung, langer, retronasaler Nachhall. Ein typischer Burlotto-Barolo mit feiner Eleganz, aber absolut typisch für einen hochklassigen Barolo. Dieser Barolo ist jetzt gut zu trinken, wird aber in dieser Verfassung sicherlich auch in einer Dekade noch Spass machen. Harti hätte sicherlich seinen Spass mit diesem Wein gehabt.. ;)

Das wars wieder in aller Kürze. Konzentrierte Mittrinker, keine Ausfälle oder lästige Korkschmecker... was will man mehr.
In gut 2 Wochen werden wir an gleicher Stelle feine Weine aus Europa trinken... ich bin gespannt und werde wieder berichten.

LG
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olifant

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Re: Autochthone Rebsorten in Würzburg

BeitragDo 24. Nov 2022, 17:26

weinaffe hat geschrieben:2017er "Taber" Lagrein Riserva (Kellerei Bozen)
einer der Top-Weine der WG aus der authochtonen Rebsorte Lagrein, 12 Monate französisches Barrique, durchschnittlich 80 Jahre alte Reben aus dem Bozener Stadtteil Gries.
Sehr sattes, blickdichtes Schwarzrot, kräftige Beerenfrucht (Süsskirsche, Brombeere, Heidelbeere mit einem Hauch Schlehe), vermischt mit eleganter Holzwürze, wirkt sehr dicht und kraftvoll, aber ohne jegliche Marmeladigkeit, am Gaumen trocken, aber deutlich extraktsüss, integrierte Säure, sehr feinkörniges, fast samtiges Tannin, kraftvoller Körper (13,5 Vol%),im Mund ein Mix aus reifer Dunkelbeerfrucht, vermischt mit dezent rauchigem Holzeinfluss und ganz dezenter Floralik. Durchaus langer, ebenmässiger Abgang. Ein gekonnt international vinifizierter Typ im Bordeaux-Stil, der manchen fast etwas zu "geglättet" daherkommt. Zweifellos ein hochklassiger Wein, der aber seinen Preis hat (knapp 43 EURO im hiesigen Fachhandel).


Sicher ist der Taber "international" vinifiziert, dafür aber m.E. einer der Besten in Südtirol seiner Machart.
Für mich der (oder die) einzig Vergleichbare(n) in dieser Klasse, ein Stück teuerer (Taber + 50%), der Lagrein Klosteranger der Abtei Muri von der gegenüberliegenden Strassenseite ;) . Die Toppweine der anderen Genossenschaften und Produzenten halten da zumeist nicht mit, evtl. der Topp-Lagrein Roblinus von Plattner/Ansitz Waldgries, der aber in deutlich geringeren Stückzahlen und hochpreisiger (Taber + 100%) verfügbar ist.
Insofern ist der Taber klarer PGV-Sieger dieser Lagreinklasse.
Recht interessant im Geschmacksbild und einen Vergeich wert sind jedoch auch gut gemachte Lagrein-Naturweine, wie z.B. der Quirein/Laurenc von Pranzegg.
Grüsse

Ralf

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